Der Geist des Gastarbeiters

Eben habe ich Cem Karacas „Es kamen Menschen an“ aus den frühen Achtzigern als Hintergrundmusik zu einer Dokumentation zu den ersten türkischen Gastarbeitern angehört. Das ist jedes Mal bewegend – Einblicke in die Geschichte unserer Väter, die uns nur noch vom Hörensagen bekannt ist, die aber fast alles, was wir heute sind, als was wir gesehen werden, was wir können und wobei wir wie vorprogrammiert versagen entscheidend geprägt hat.

These: Solange wir DAS nicht richtig aufgearbeitet, eingeordnet und unseren Frieden damit gemacht haben, werden wir GAR NICHTS richtig aufarbeiten.

Weil wir nämlich dabei versagen den Code zu lesen und zu verstehen, der uns schon in frühester Kindheit in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Weil wir nicht verstehen, dass unser Leben Fleisch gewordene Geschichte ist, dass wir eine Rolle spielen, ohne zu wissen, zu welchem Theaterstück diese eigentlich gehört und wer der Autor war.

In unseren Händen verkommt dieses Erbe zur Karikatur, wenn wir versuchen diese Geschichte zu leugnen, oder auf der anderen Seite zu etwas ganz Gewöhnlichem zu verklären.

Es muss einen Grund dafür geben, warum fast alle von uns untrennbar mit der Türkei verbunden sind, obwohl wir sie nur als Geist und Schatten kennen.

Es muss einen Grund dafür geben, warum wir uns weit mehr für die türkische Politik interessieren, und weit mehr mit den Konflikten dort identifizieren als mit dem, was hier unmittelbar vor unserer Nase passiert.

Liebe Freunde, Optimisten, Kämpfer und Verbitterte…

Wir können den namenlosen und tragischen Akteuren dieser Geschichte nicht das Wasser reichen – egal wie weit wir laufen und wie viel wir studieren.

Wir können diese Geschichte auch nicht durch Aussitzen überwinden.

Bis wir einen Weg gefunden haben diese Geschichte wirklich aufzuarbeiten, können wir nur verlegene Fußnoten dazu schreiben und sie unseren eigenen Kindern weitererzählen – womöglich in der beruhigenden Hoffnung, dass diese Geschichte dadurch verstanden wird und sich legitimiert.

Nein, hier gibt es nichts im Nachhinein rational zu verstehen.

Und das Legitimierenwollen, aber Nichtkönnen ist selbst schon das markanteste Sympton des Problems.

Nein, diese Geschichte ist die Stiftungsgeschichte unserer Identität.

Sie ist die einzige wirklich wahre und noch zugängliche Geschichte, die wir haben.

Und sie läuft Gefahr zur Mythologie zu verkommen und dadurch außer unsere Kontrolle zu geraten.

Jeden Tag sterben weitere Zeugen und Akteure dieser Geschichte.

Jener Geschichte, die unter den uns erzählten wohl die ist, vor der wir uns am meisten verstecken.

Wir wollen alles möglich sein: Akademiker, Sportler, Unternehmer… Ideologen, Bürger, Intellektuelle…

Aber bloß keine Gastarbeiterkinder.

Aber genau das seid ihr: Gastarbeiterkinder!

Alles andere in eurem Leben ist nachträglich und eine zweite Natur.

Es wäre weise alles nochmals von hier aus aufzurollen und zu hinterfragen.

Oder etwa nicht?

Wenn ihr in euren Kindheitserinnerungen kramt: Findet ihr da irgendwas, was nicht bis in seine feinsten Fasern vom Drama des Gastarbeiters durchtränkt ist?

Ich dachte immer, in meiner Kindheit sei viel „rein Deutsches“.

Jetzt, wo ich mit 36 Jahren darauf blicke, stelle ich resignierend fest: Selbst meine „deutschesten“ Erfahrungen aus frühester Kindheit sind durchzogen von Hoffnung und Freude, zugleich aber auch von Unsicherheit, Widersprüchen und dem Urrätsel schlechthin: Wie bestehe ich in diesem Gemenge ohne in zwei miteinander verfeindete Persönlichkeiten zu zerfallen?

Ich habe Jahrzehnte gebraucht um meine Strategien soweit zu optimieren, dass ich mich wirklich frei und stark fühle.

So glaube ich oft, dass ich vielleicht zu den glücklichsten Menschen der Welt gehöre, da ich gelernt habe konstruktiv von zwei Kulturen tief und gründlich zu schöpfen.

Im nächsten Moment merke ich jedoch, dass ich selbst es bin, der diesen Modus zu leben aufrecht halten muss.

Die äußeren Kräfte – „deutsche“ wie „türkische“ – sind zu stark und zu unerbittlich um mir den Luxus einer eigenständigen Identität kampflos zu überlassen.

Das Paradoxe daran ist, dass jene äußeren Kräfte so gut wie nichts von ihrer ständig fordernden Rolle in meinem Leben wissen.

Ich habe jedoch gelernt mit diesen zu leben. Und ihnen ihre Rolle nachzusehen.

Ich habe sie in mein Weltbild längst integriert – mehr als sie es sich wohl vorstellen können.

Religion und Philosophie waren meine Schlüssel um mich innerlich von der Bevormundung zu emanzipieren.

Ja, die Flucht nach oben macht frei von erstaunlich vielen irdischen Verstrickungen.

Aber:

Wenn ich nicht den vielleicht größten Teil meiner Hirnkraft in diese Vereinbarungsarbeit investiert hätte, wäre ich wahrscheinlich auch in die besagten zwei Persönlichkeiten zerfallen, von denen schließlich eine dominiert, aber die andere niemals gänzlich verdrängt hätte.

Müssen wir wirklich einen so großen Preis zahlen, wenn wir beides haben wollen?

Ich sehe zumindest ausgehend von den Randbedingungen meiner Existenz keine Alternative dazu – wie hart es auch ist: Entweder ihr kämpft um das, was ihr sein wollt, oder ihr werdet von den äußeren Kräften „deutscher“ oder „türkischer“ Prägungen zerrissen, vor Alles-oder-Nichts-Entscheidungen gestellt und anschließend mit Vorwürfen, warum ihr euch denn so anstellt, auf die Strafbank gebeten.

Der ständige innere Kampf lenkt jedoch von der Entstehung dieser merkwürdigen Konstellation ab.

Er macht blind für die Geschichte, deren manchmal überforderten Produkte wir heute sind.

Statt diese Geschichte zu verklären, oder zu verleugnen, sollten wir diese zuallererst gut studieren und unseren bedingungslosen Frieden mit ihr machen.

Dabei hat genau diese Geschichte uns mit der Geburt dauerhaft heimatlos gemacht, zu ewigen Suchern, zu Unangepassten, ewig hin und her gerissen – nicht nur zwischen zwei Kulturen, sondern auch zwischen Minderwertigkeitskomplexen und Größenwahnsinn.

Es ist an der Zeit sich dem gealterten Gastarbeiter in uns, dessen Geist jedoch auf ewig im Alter von Anfang Zwanzig gefangen zu sein scheint, zu stellen… den 60ern, den 70ern – jenem Geist, vor dem wir uns manchmal panisch in die entlegensten Winkel der Welt, in die hochtrabendsten Rollen flüchten – der uns aber gleichgültig, wohin wir gehen, stets zuvorkommt.

Jener Gastarbeiter, für den wir im deutschen Umfeld gelernt haben uns zu schämen – von dem wir aber zugleich ahnen, dass er derjenige ist, der uns am besten von allen verstehen wird.

Ein Glaube, der uns wenigstens die Illusion von Heimat und Identität schenkt.

Ein Glaube, der uns aber zugleich auch berechenbar und verletztlich macht.

Der Geist des Gastarbeiters, der uns unaufgefordert einen Çay einschenkt und uns mit seinem stummen verständnisvollen Lächeln zu sagen scheint: „Ist schon in Ordnung, mein Kind. Jetzt ruh dich erst mal etwas aus. Aus welcher Stadt kommt ihr eigentlich?“


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