Denkmanöver

Nun, so richtig mit dem Schreiben klappt das hier schon lange nicht mehr. Es gilt: Je mehr ich beruflich und auch sonst schreibe und referiere, umso weniger Elan und Motivation habe ich um in diesem Blog etwas zu schreiben.

Das ist schon etwas tragisch aus meiner Sicht.

Denn ich habe in den letzten Monaten sehr viel Neues gelernt, was sich eigentlich ideal zum Veröffentlichen hier auf diesem unabhängigen Blog eignen würde.

Das Problem ist sicherlich vor allem der Anspruch, den ich stillschweigend mit Blogbeiträgen verbinde.

Ich will jetzt hier nicht das Problem in die Breite herum analysieren, sondern lieber eine mögliche Lösung ausprobieren.

Die Lösung lautet: Ich widme meinen Blog um in ein echtes Denk- und Forschungstagebuch.

Um hier ein erstes Zeichen zu setzen, habe ich den Untertitel von “Von Himmel, Erde und dem dazwischen” umgewandelt in “Ein Hirn-Tagebuch von Hakan Turan”.

(Mann, war das ein erhebender Moment!)

Ich würde gerne hier viel viel mehr posten. Und zwar aus und zu Themen, über die ich tagein und tagaus nachdenke, lese, diskutiere und referiere.

Wohin, wenn nicht auf diesen Blog, sollten solche Dinge gehören?

Ich möchte gerne meine Denkprozesse einfangen und in ihren wichtigen Punkten festhalten.

Ich möchte das Flüchtige einfrieren und sichtbar machen.

Oder anders ausgedrückt: Ich möchte den erhöhten Shitness-Quotienten der Welt da draußen stören mittels Gedankensplittern, die ASQ besitzen.

(ASQ: Anti-Shitness-Qualität).

Ich möchte mich und andere dazu motivieren laut nachzudenken – im Bewusstsein, dass die Welt dadurch sicher nicht noch schlechter wird, da ein Großteil des Übels meiner Meinung nach der Verweigerung des Nachdenkens und Aussprechens entspringt.

Frage: Willst du die Welt retten?

Antwort: Ja, natürlich, was denn sonst!

Frage: Bist du kompetent dazu?

Antwort: Pfff, von wegen… Aber die Erfahrung der letzten Jahren zeigt, dass “Kompetenz” nicht (mehr?) zu den kritischen Größen des Mitmischens gehört. Darum greift die Inkompetenz-Ausrede hier nicht. Manchmal kann ein Irrer mit der guten Absicht durchaus etwas bewegen.

Frage: Was haben die Leute von dir?

Antwort: Keine Ahnung. Vielleicht neue Einsichten und Denkanregungen. Sonst vielleicht: etwas Unterhaltung?

Frage: Denkst du, du bist witzig und cool?

Antwort: Ach was, nein. Oder vielleicht doch ein bisschen?

Frage: Denkst du, irgendeine Sau auf der Welt interessiert sich für deine Gedanken, dein Denk- und Forschungstagebuch und deinen immer unfruchtbarer gewordenen Versuch zu bloggen?

Antwort: Wenn nicht, dann umso herber für die Säue!

Frage: Denkst du allen Ernstes, dass dein Denkprojekt mit Hirn, Logik und solchem Zeug nach all dem Scheitern des Projekts der Aufklärung, nach all den linguistischen, pragmatischen und anthropologischen Wenden auch an den äußersten Ärschen der Welten der Wissenschaft (Hinweis: “Arsch der Welt” ist nach wie vor eine gerade noch salonfähige Metapher!), nach all dem Rechtsruck, der postfaktisch-postmodernen Anything-Goes-Entgrenzung und dem Wettlauf um den roten Knopf noch irgendwas wert ist?

Antwort: Und ob! Genau deswegen bin ich ja hier! Man sollte nicht alles um jeden Scheiß versuchen rückgängig zu machen – aber man sollte alles tun um jeden Scheiß wieder rückgängig zu machen! Weißt du wie ich meine?

Frage: Ich kann darauf nicht antworten, da ich die Frage bin. Aber ehrlich gesagt: nein! Was meinst den denn? Wie willst du jeden Scheiß rückgängig machen?

Antwort: Na durch Rückverfolgung. Durch Ausgrabung. Durch einen Blick hinter die grässlichen Fassaden. Ich glaube, da ist brutal viel Schönheit in der abstrakt gedachten Welt. Aber sie wird ohne Abstraktion nicht sichtbar. Abstraktion kann freilich auf vielen Wegen erfolgen. Ich bin der Meinung, dass der rationale Weg einer der wichtigsten und heutzutage am meisten vernachlässigten ist. Abstraktion verschafft einerseits Distanz. Andererseits macht sie den Blick frei für das Wesentliche.

Frage: Das ist mir zu abstrakt. Gib endlich mal ein Beispiel.

Antwort: Ah! Werden die Säue jetzt also doch neugierig?

Frage: Nene, auf keinen Fall… ich wollte nur gleich dein Beispiel widerlegen und zeigen, dass es nach dem Übergang zur funktional ausdifferenzierten Gesellschaft, nach dem katastrophalen Scheitern aller menschlicher Vernunft im 20. Jahrhundert und mit der Subjektivierung aller Erkenntnis keine Rückkehr zur Einheit von Welt und Wissen mehr geben kann. Genau dies scheinst du aber anzustreben, wenn wenn du hier von Rationalität und Abstraktion herumschwadronierst. Das ist alle Schnee von gestern. Damit den Problemen der Gegenwart an den Leib rücken zu wollen ist ein purer Anachronismus.

Antwort: Soso. Und was genau ist nun deine Frage, als Sau?

Frage: Nenne mir dein Beispiel, und ich wiederlege es prompt.

Antwort: Moment, du bist doch eigentlich die Frage, oder? Wie kommt es, dass du der Sache mehrere Schritte vorauseilst?

Frage: Ich bin dein schlechtes Gewissen. Die Sau aller Säue. Die Stimme, die dir rät es perfekt zu machen. Und wenn du es nicht perfekt machen kannst: Es gar nicht zu machen! Derweil geht die Vernunft den Bach runter. Und die Vernünftigen verbringen einen großen Teil ihrer Zeit damit still vor sich hinzuhämmern, hinter verschlossenen Türen…

Antwort: … während der Irrsinn tobt und wütet, sich allenorts im Nu organisiert, das ganzen Denken und Fühlen der Menschheit ergreift und den ganzen unterdrückten Welt- und Selbsthass der Massen an die Oberfläche holt und als Ursprünglichkeit adelt…

Frage: …und die Medizin zur Krankheit und die Vernunft zum Aberglauben erklärt wird, während sie alle gemeinsam ihr Grab schaufeln und sich fragen…

Antwort: … ob das wirklich schon alles gewesen sein kann, ob die Menschheit ihren Zenit wirklich schon überschritten hat, ob die beschissene Ideologie des Pessimismus und des Desinteresses nun wirklich besser war als die im Massenchor verschrienen Versuche von Wahrheitssuche und Vernunfttätigkeit.

Frage: Warum lässt du es nicht einfach sein? Warum machst du nicht einfach deinen Frieden mit der Welt und tust einfach nur das, wofür du konkret und vor Ort gebraucht und gerufen wirst?

Antwort: Weil ich an etwas glaube! Und weil mein Glaube zu stark ist um meinen guten und naiven Willen den Zwängen der Erscheinung zu opfern.

Frage: Warum sind die Vernünftigen dann so verdammt irrelevant geworden? Warum ist Wahrheit kein Wert mehr, sondern höchstens noch ein begriffliches Accessoire mit musealem Charme? Warum solltest du der Vernunft nochmals eine Chance geben? Warum ist überhaupt irgendwas und nicht vielmehr nichts?

Antwort: Weil wir keine Alternative dazu haben mit uns selbst und unseren Verletzungen klarzukommen. Und weil da einfach diese verdammt hartnäckige Intuition in mir und vielen anderen Menschen jede schlaflose Nacht an unsere Bewusstseinsdecke hämmert, dass der Mensch eigentlich zu Besserem bestimmt sein muss… Und dass uns als Wahrheitssuchern das Wahre, Gute und Schöne in Aussicht gestellt wurde, aber noch keines der Versprechen vollauf eingelöst ist. Und dass unsere Naivität aus der Kindheit und frühen Jugend eben doch ein echter Wert war, den wir hätten viel entschiedener gegen die Irren verteidigen müssen! Diese Stimme ist ein Licht in der Dunkelheit, das sich primär nicht in einem holistischen Riesenprojekt, sondern in vielen kleinen Details zu manifestieren vermag, wenn man sie einlädt, sie hütet, sie pflegt und nicht verscheucht. Wir haben nichts anderes als unsere Hoffnung und unseren Glauben, dass das Wahre, Gute und Schöne nicht nur als Potenzial im Dunklen ruht, sondern sich immer dann im hellsten Sein vollzieht, wenn wir dieser Stimme folgen und sie Realität werden lassen…


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