Das Waisenkind und der Thron Gottes

Vieles im Leben lässt sich entschuldigen, relativieren, oder wieder gut machen. Doch es gibt wohl kaum etwas, dass so unverzeihlich ist wie das unsägliche Leid, dass wir Erwachsenen, die wir uns für so gebildet und zivilisiert halten, täglich den Schwächsten dieser Welt zufügen: den  Kindern. Dies ist mir erneut bewusst geworden, als kürzlich der 14jährige Berkin Elvan nach einem 270 Tage währenden Koma in Folge einer Gaspatrone starb, die ihn während der Istanbuler Unruhen letzten Jahres getroffen hatte.

Berkin ist nur ein Beispiel für die hunderte Millionen von weltweiten Opfern der Macht- und Geldgier von uns angeblich zivilisierten Erwachsenen – einer Gier, die sich in Ausbeutung und Barbarei niederschlägt, aber auch in Konsum- und Kriegswahn. Betroffen von globalen und lokalen Ungerechtigkeiten sind nicht nur die Ausgebeuteten in den Entwicklungsländern, die anonymen Leidenden in den Straßen des Irak und Ghettos im Gaza-Streifen, sondern auch viele Menschen hier unter uns.

Während solcher Gedanken drängt sich mir immer ein auf den Propheten Muhammad, Friede und Segen sei mit ihm, zurückgeführter Hadith auf – ein Hadith, der mir jedes Mal den Atem nimmt: „Wenn das Waisenkind weint, dann erzittert der Thron Gottes.“ Dieses Weinen ist die wohl unschuldigste und friedlichste, zugleich aber auch die stärkste und gewaltigste aller Anklagen, die gegen das Gewissen von uns Erwachsenen erhoben werden kann.

Und das Erzittern des Thrones als denkbar größter Resonanzkörper ist eine gewaltige Metapher dafür, dass Gott Partei für die Schwächsten gegen die Mächtigen ergreift – und ein klarer Hinweis darauf, dass Gott dies auch von uns möchte.

So verstanden wird das Weinen des Waisen zur unmittelbaren Handlungsaufforderung. Es scheint mir zu sagen: „Steh auf, und ändere dich! Erhebe dich gegen den Götzen in dir, den du selbst erbaut hast. Er hat deine Ohren taub gemacht, dein Gewissen und deine Hände in Ketten gelegt!  Zerschlage ihn, damit das Weinen des Waisen nicht nur den Thron Gottes, sondern auch deine verrohte Seele wieder zum Erzittern bringen kann!“

Es ist bezeichnend, dass das Leid der Schwachen und Waisen zu den Hauptthemen der frühesten koranischen Offenbarungen überhaupt gehört, und dass das Entrichten der Armensteuer neben dem rituellen Gebet später zu den zentralen Gottesdiensten im Islam erhoben wurde. Unsere oberste Loyalität sollte daher uneingeschränkt den Leidenden gelten.

(Aus meinem Beitrag zu “Islam in Deutschland” auf SWRinfo, April 2014)