Das Muslimische Forum Deutschland – Interview mit Erdal Toprakyaran (3)

Welche Rolle spielen die Zentren für Islamische Theologie und die nichtmuslimischen Teilnehmer im Forum?

Turan: Manche vor allem muslimische Stimmen äußern seit langem den Verdacht, dass die universitäre islamische Theologie im Grunde eine Magd der Tagespolitik sei. Nun gehören mit Mouhanad Khorchide und Ihnen zwei Direktoren der Zentren für Islamische Theologie zu den Gründungsmitgliedern dieses ja durchaus politisch gedachten Forums. Birgt Ihre Teilnahme nicht in der Tat das Risiko diese Kritiker zu bestätigen?

Toprakyaran: Ja, schon. Ich habe mir das auch lange überlegt und die Vorteile und Nachteile abgewägt. Und mir ist klar, dass viele Leute nur darauf warten jetzt sofort wieder heftig zu kritisieren und ihre Vorurteile laut hinauszurufen. Aber mir war die Sache dann doch so wichtig, dass ich gesagt habe: Okay, die Kritik muss ich hinnehmen und muss auch in Kauf nehmen, dass sich viele Leute sehr gestört fühlen werden. Ich habe dann gedacht, ich mache mal mit und schaue, was passiert.

Und ich muss sagen: Es gibt ein paar Muslime, die sich immer gerne in der Opferrolle sehen und Verschwörungen heraufbeschwören. Ich muss sagen: Bis auf diese haben ich keine wirklich ernsthaften Vorwürfe gehört. Ich habe ja auch sehr gute Kontakte zu vielen Verbandsvertretern und viele haben gesagt, sie seien jetzt doch sehr überrascht über meine Teilnahme und befürchten jetzt, dass das ganze in die falsche Richtung gehen könnte. Aber die meisten akzeptieren es, dass ich da mitmache und haben sich da sehr moderat gezeigt.

Turan: Sie sehen also keine Gefahr für die Wissenschaftlichkeit und Unabhängigkeit der Theologie?

Toprakyaran: Es gibt da schon Befürchtungen, dass die islamische Theologie Schaden nehmen und dass insgesamt Unfrieden aufkommen könnte. Aber die Haltung war doch eher die: Wir warten mal ab und sehen, was passiert.

Turan: Sehen Sie selbst das Risiko, dass die Theologie Schaden nimmt, also zum Beispiel unter äußere Einflüsse gerät?

Toprakyaran: Nein. Ganz ausschließen kann man das natürlich nicht. So etwas ist immer möglich. Aber ich würde mich schon wundern, wenn die Theologie selbst Schaden nehmen würde. Ich glaube dazu ist die Theologie an den Universitäten jetzt schon viel zu breit aufgestellt und es gibt mittlerweile sehr viele Akteure auch in der islamischen Theologie. Ich glaube nicht, dass die islamische Theologie Schaden nehmen wird, nur weil jetzt zwei Theologen bei einem solchen Projekt mitmachen. Und ich denke jeder sollte auch in der Lage sein zu unterscheiden, dass die Teilnahme des Direktors an so einem Projekt nicht bedeutet, dass das ganze Zentrum involviert ist. Es steht ja dort auch nicht, dass das Zentrum für Islamische Theologie das Projekt unterstützt, sondern nur ich als Einzelperson.

Turan: Das heißt: Ihre Mitarbeiter und Studierende müssen sich da nicht eingebunden fühlen.

Toprakyaran: Nein, natürlich nicht. Ich würde mich natürlich freuen, wenn viele dann später beim Forum mitmachen, also wenn sie kommen und mitdiskutieren, so wie viele von uns zum christlich-islamischen Forum gehen und das als eine Bereicherung sehen. Obwohl das von katholischer Seite organisiert wird, gehen viele hin und finden das gut.

Warum es jetzt beim Forum gerade zu dieser Zusammensetzung gekommen ist, darüber werden wir sicher noch sprechen. Aber es ist jetzt auf jeden Fall ein Forum, das den Islam in den Mittelpunkt rückt. Also uns geht es nicht darum den [interreligiösen – HT] Dialog in den Mittelpunkt zu stellen, sondern es geht schon darum islamrelevante Themen islamrelevant zu diskutieren, dass eben Muslime aus allen möglichen Winkeln der Republik mit allen möglichen Backgrounds zusammenkommen und diskutieren.

Aber wir wollen es eben nicht so machen wie [im christlich-islamischen Forum – HT] in Hohenheim – was ich übrigens sehr gut finde, bewundere und unterstütze. Aber ich denke, natürlich braucht man mehr als Stuttgart-Hohenheim. Allmählich sollten die Muslime zusammenkommen und in der Lage sein auch allein islamische Foren zu haben, was aber nicht heißt, dass Nichtmuslime nicht kommen dürfen, aber das im Mittelpunkt eben der Islam steht und nicht Islam und Christentum, oder Islam und Judentum. Sondern es geht um Islam und Muslime in Deutschland und auf der Welt und von daher war mir die Sache doch sehr wichtig. Und ich würde mich freuen, wenn Kollegen und Studierende mitmachen, doch ich hätte absolut Verständnis, wenn die Leute sagen, ich habe eh schon genug zu tun und ich gehe dann lieber weiter zu den Veranstaltungen der DITIB und Milli Görüş und habe für diese Veranstaltung keine Zeit. Das wäre für mich kein Problem, weil es ja im Grunde auch wie gesagt von unserer Seite eine Ergänzung sein soll und kein Ersatz.

Turan: Sie sagten „rein muslimisch“. In der Einleitung zur Gründungserklärung kann man aber lesen: “Einzigartig ist die ethnische und religiöse Vielfalt des Forums. So zählen neben Sunniten und Schiiten auch Aleviten, Yeziden und christliche Unterstützer zu den Teilnehmern des Forums”. Meine Frage: Ist das für ein Forum, das sich als Vertretung für Muslime anbietet, nicht schon zu bunt? Wäre hier “interkulturelles Forum”, oder “interreligiöses Forum” nicht naheliegender gewesen?

Toprakyaran: Ich denke nicht – denn wenn wir zum Beispiel an die Islam Konferenz denken. Sie nennt sich Islam Konferenz, aber die Hälfte der Leute, die dort hingehen, also ein großer Teil der Teilnehmer, waren Nichtmuslime. Und die Islam Konferenz wurde sehr gut aufgenommen von allen Verbänden. Alle, die eingeladen wurden, sind hingegangen.

Bei uns hingegen ist es sehr viel muslimischer. Unter den fünfzehn Unterzeichnern ist nur ein christlicher Libanese und eine Yezidin.

Turan: Dazu hätte ich auch eine Frage. Der Christ ist beispielsweise ist Dr. Ralph Ghadban. Im ersten Satz der Erklärung heißt es: „Wir sind Menschen, die sich als Bürgerinnen und Bürger Deutschlands und zugleich als Muslime sehen.“ Sieht sich Dr. Ghadban wirklich auch als Muslim?

Toprakyaran: Dr. Ralph Ghadban sieht sich nicht als Muslim. Die paar Nichtmuslime in der Gruppe gelten, wie es in der Einleitung zur Gründungserklärung steht, als Unterstützer.

Turan: Und wer ist die Yezidin?

Toprakyaran: Das ist die Journalistin Düzen Tekkal. Sie ist eine türkischstämmige Yezidin. Alle anderen sind entweder Aleviten, Sunniten oder Schiiten. Und ich denke die Debatte, ob Aleviten Muslime sind brauchen wir jetzt nicht aufzumachen. Ich denke, das Problem, das die Leute haben, betrifft eher den christlichen Teilnehmer und die yezidische Teilnehmerin. Aber wie gesagt: Da ist unsere Quote sehr viel niedriger als bei der Islam Konferenz. Und wir haben das so eingeordnet, dass das für uns eine Bereicherung ist, wenn ein libanesischer Christ dabei ist, der die islamische Welt sehr gut kennt, und auch wenn er eine sehr kritische Meinung vertritt, großes Interesse hat. Dass so eine Person dabei ist, fand ich unproblematisch und habe es eher als Bereicherung empfunden, so wie ich auch die Yezidin als Bereicherung empfunden habe.

Es heißt zwar muslimisches Forum – aber wir sind offen für jeden und wollen, dass alle Leute kommen können. Wir wollten das auch in der Ursprungsformation deutlich machen. Das ist schon eine moderne, oder gar postmoderne Vorgehensweise, die auch gewisse Grenzen überschreitet. Uns geht es nicht darum traditionelle Grenzen weiter zu repräsentieren und zu sagen: Das hier sind Sunniten und nur, wer strikt sunnitisch ist und zu den vier wichtigsten Rechtschulen gehört ist willkommen, sondern wir wollten damit auch demonstrieren, dass bei uns die Grenzen fließend verlaufen.

Turan: Bedeutet das auch, dass eine postmoderne islamische Theologie zu erwarten ist?

Toprakyaran: Ich würde mich nicht wundern, wenn es Leute gibt, die so etwas vertreten. Ich würde mich aber davor hüten andere Menschen einfach als Muslime zu vereinnahmen, dass ich zum Beispiel bestimme, alle Aleviten oder Yeziden sind jetzt Muslime. Das steht mir nicht zu, und das steht auch dem Forum nicht zu. Unsere Aufgabe ist es nicht die Grenzen zu definieren, sondern unsere Aufgabe ist es zu sagen: Auch Menschen, die nicht klar einzuordnen sind, dürfen kommen und mitmachen. Ich respektiere es, wenn Aleviten sich Muslime nennen. Ich respektiere es aber genauso, wenn andere Aleviten sich nicht Muslime nennen. Genauso würde ich es respektieren, wenn Yeziden sich als Muslime sehen, aber ebenso, wenn sie sich nicht als Muslime sehen.

Turan: Ihnen geht es also nicht darum eine gemeinsame Theologie zu formulieren?

Toprakyaran: Nein – wie sollte das denn gehen?

Turan: Das ist einer der Vorwürfe: Dass man Nichtmuslime mit an Bord holt, die dann den Islam mit definieren dürfen.

Toprakyaran: Dieser Vorwurf ist unbegründet. Wir schreiben in unserem Text nicht, dass wir eine neue Theologie begründen wollen. In diese Richtung hat sich bislang auch noch keiner geäußert. Das wäre auch gar nicht machbar. So etwas ist nicht einmal in den Zentren für Islamische Theologie. In Tübingen haben wir dreißig Dozenten und wir haben noch keine neue Theologie formuliert. Das sehen wir auch nicht als unsere Aufgabe an. Jeder von uns macht seine eigene Arbeit.

Wir [im Forum – HT] sind offen und diskutieren, aber keiner macht den Versuch eine neue Theologie zu formulieren, zumindest nicht in dem Sinne, dass das nun allgemein verbindlich sein soll. Es gibt immer wieder mal neue Aspekte und Ideen, die man dann diskutieren muss. Aber um eine neue Theologie zu etablieren, braucht es schon mehr als ein Forum mit fünfzehn Leuten und vielleicht einigen hundert, die zu den Foren kommen. Und wie gesagt: Die meisten Teilnehmer sind ja eh keine Theologen.

Turan: Dr. Ralph Ghadban spricht sich immer wieder dafür aus, dass der Islam reformiert werden müsse. Und er scheint sehr klare Vorstellungen davon zu haben, wie der Islam aussehen soll.

Toprakyaran: Das kann er sich vorstellen, und er kann das auch sagen und in die Diskussion mit einbringen. Andere können das auch sagen. Wir [Muslime – HT] sagen das übrigens auch seit jeher, dass sich der Islam immer erneuern muss, dass wir immer ein tajdîd [Erneuerung – HT] brauchen, dass wir immer mujaddids [Erneuerer – HT] brauchen. Das ist eine alte islamische Idee, dass wir Muslime uns immer erneuern müssen. Von daher habe ich auch kein Problem damit, wenn manche das Wort Reform benutzen. Andere vermeiden das und sprechen von Erneuerung. Dass es irgendeine Form von Erneuerung geben muss, und zwar stets geben muss, also nicht nur heute, sondern dass auch schon vor Jahrhunderten immer die Notwendigkeit da war eine Erneuerung anzustreben, darin sind wir uns glaube ich einig, auch mit dem Verbänden. Eine solche Erneuerung sollte das Alte nicht über Bord werfen, sondern sich natürlich an der Tradition orientieren. Aber dass dieses Forum das neue theologische Reform-Forum sein soll, das halte ich für ausgeschlossen. Aber die Diskussion kann natürlich auch für die Theologie bereichernd sein und Impulse geben.

Turan: Vielen Dank für das Interview!

Teil 1: Ist das Muslimische Forum Deutschland ein liberaler Gegenentwurf zu den „konservativen Verbänden“?

Teil 2: Wird das Forum durch die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung finanziert?

Teil 3: Welche Rolle spielen die Zentren für Islamische Theologie und die nichtmuslimischen Teilnehmer im Forum?


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