Mein Racheplan gegen den IS

Zum Teufel mit dem IS, ihren Ideologen und ihren Priestern der Finsternis.

Hier folgt mein ab sofort in Kraft getretener Rachplan gegen den IS und die von ihm verführten Jungschergen der Terrors:

* mich weiterhin stolz als gläubigen und praktizierenden Muslim bezeichnen

* mich weiterhin stolz an Anhänger des Propheten Muhammad, und als Gläubiger des Korans bezeichnen

* noch mehr Zeit für Gottesdienste

* noch mehr Zeit für Spiritualität und Mystik

* noch mehr Zeit für Physik, Mathematik, Philosophie

* noch mehr Zeit für intensive Koranstudien

* noch mehr innerislamischer Dialog

* noch mehr Dialog zwischen Sunniten, Schiiten, Aleviten

* noch mehr Einsatz für einen liberal-konservativen Schulterschluss im Islam

* noch mehr Dialog mit Juden

* noch mehr Dialog mit Christen

* noch mehr Dialog mit Atheisten

* noch mehr Zeit zum Musizieren nehmen

* noch mehr Zeit für Moscheebesuche

* für noch mehr Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Anderslebenden werben

* theologisch fundierte Diskussionen, Zurückweisungen und Widerlegungen der Thesen des radikalen Islamismus, Salafismus und Dschihadismus

* noch mehr Zeit mit Nichtmuslimen verbringen

* seinen Job noch besser machen als bisher

* sich noch deutlicher als Muslim „outen“, Gesprächsangebote machen

* die radikale Islamisten und radikale Salafisten noch deutlicher als Anhänger einer krankhaften Ideologie enttarnen

* sich noch tiefer in den Koran hineinarbeiten, ihn komplett der Fremdverfügung durch krankhafte Ideologien entziehen

* noch mehr Zeit für muslimische Jugendliche nehmen

* von europäischen Städten und der liberalen Kultur hier schwärmen

* Kant lesen, Planck lesen, Einstein lesen

* Ghazali lesen, Biruni lesen, Said Nursi lesen

* für den Weltfrieden beten

* von Aufklärung, Wissenschaft und Bildung schwärmen

* vielleicht gerade jetzt den naiven und total unzeitgemäßen Satz „Islam ist Frieden!“ hochhalten – und zwar gegenüber dem IS und Konsorten

* stolz auf den verstorbenen Physiker Abdus Salam sein, ihn als Muslim ehren, zugleich die ganzen wissenschaftsfeindlichen Islamvorheuchler, aus deren Kreisen die Terrorvordenker und -praktiker stammen, zu kranken Vollidioten erklären

* Abdus Salam lesen, seine physikalischen Artikel runterladen und im Geiste von Gottesdienst studieren

* Quantenfeldthorie betreiben, ganz im Geiste islamischen Gottesdienstes

* stolzer Muslim sein

* stolzer Europäer sein

* stolzer Türke sein

* stolzer Deutscher sein

* stolzer Gegner von Nationalismus und Fundamentalismus sein

* glücklich und gelassen sein

* sich kein schlechtes Gewissen für die Taten gestöterter anderer einreden lassen

* vergeben und vergessen, bis auf die Fratzen des IS

* Berufsfundamentalisten, die ihr Geld mit dem Verhindern von Diskursen und Fortschritt im islamischen Denken verdienen, als Dummköpfe, Hofnarren und Vollidioten brandmarken

* von Menschrenrechten, Demokratie und Islam schwärmen

* stolz verkünden, dass ich Europäer bin, und dass es hier Muslimen wesentlich besser geht als unter dem IS

* mehr Zeit für Familie, Freunde, Nächste

* mehr Familienspaziergänge im Herzen Stuttgarts

* mehr Zeit für meine Liebste, für Romantik, für Gedichte

* mehr Lesen, Schreiben, Musizieren

* wieder auf ein gutes Konzert gehen, bevorzugt auf ein Heavy-Metal-Konzert

* Iron Maiden auflegen, Boxen an und voll aufdrehen

* Allah für all das danken, von ganzem Herzen…

Was tun bei S-Bahn-Prügeleien zwischen Punks und Kanaken? (Für Fortgeschrittene)

Neulich stieg Arif an einem Freitag Abend in die Stuttgarter S-Bahn und ärgerte sich über laute Jugendliche, die sich in der Bahn mit diversen Alkoholika vollaufen ließen – trotz des ausgeschriebenen Verbots von Alkoholkonsum in öffentlichen Verkehrsmitteln. In seinem Rucksack schleppte er schon den ganzen Tag ein Buch über kulturelle Identität und seinen Laptop mit sich herum, auf dem er in freien Minuten Texte über Identitätsfragen schrieb. Nach dem Umsteigen stand er am Ende eines vollen S-Bahn-Wagens. Auf den einander zugewandten Sitzmöglichkeiten auf der linken und rechten Seite des Zuges wechselten sich von Haltestelle zu Haltestelle junge Fahrgäste ab.

Zuletzt hatte sich ein korpulenter Punk mit zwei Mädchen auf die linke Bankreihe gesetzt. Arif dachte sich, dieser Punk hätte gut als Ausstellungsstück in die aktuelle Ausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie über Menschenbilder aus verschiedenen den Jahrhunderten gepasst. Interessiert zählte er seine Gesichtspiercings und studierte seinen ehrwürdigen, in Violett- und Rosatönen schillernden Irokesenschnitt. Auf seinem Rücken prangte ein großer Aufnäher, auf dem ein Hakenkreuz abgebildet war, das in einen Mülleimer geworfen wurde. Der Punk hieß Marcel – und war betrunken genug, dass ihm nicht auffiel, dass Arif ihn von der Seite musterte.

Beim nächsten Halt sollte sich die gegenüberliegende Bankreihe ebenfalls füllen. Herein kamen drei junge Südländer mit Halsketten und sportlichem Outift und. Erst dachte Arif, das sind bestimmt Türken, bis er bei zweien, nämlich Özgür und Murat, Halskettenanhänger mit Kurdistanumrissen erblickte. Aha. Kurden waren das also. Sie konnten aber sicher auch Türkisch. Der dritte der Runde hieß Zamir und hatte kurzes blondes Haar. Weiter hinten saß noch ein Italiener names Alfonso, der später noch eine Rolle spielen wird. Özgür und Zamir setzten sich auf die rechte Bankreihe.

Und was tat Murat?

Na, was wohl!

Er stellte sich genau in die Mitte des Wagens, griff nach zwei Halteschlaufen an der Decke – und begann Klimmzüge zu machen. Eins, und zwei, und drei, und vier… Marcel und die beiden Mädchen auf der einen, Zamir und Özgür auf der anderen Seite sahen dem Treiben zu. „Ein Überzeugungskanake durch und durch – wenn das mal gut geht“, dachte sich Arif.

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Von Zeit und Vergänglichkeit (SWRinfo)

Es war ein denkwürdiger Sommer für mich – zum ersten Mal seit vielen Jahren besuchte ich Kırşehir, die türkische Heimatstadt meiner Eltern. Diese Stadt war in meiner Kindheit für mich und meine Geschwister ein legendärer Ort – hier lebten unsere Verwandten, die wir jedoch nur alle zwei Jahre für vier Wochen zu Gesicht bekamen. So ergab es sich, dass ich schon als Kind abzuzählen begann, wie oft ich noch meinen Cousins, die mich durch eine abenteuerliche Welt führten, so begegnen würde, wie ich sie kennengelernt hatte. Nämlich als Kinder.

Dass diese gemeinsame Zeit nicht mehr allzu lange dauern würde, veranlasste mich, jeden Moment mit ihnen intensiv zu genießen. So wurde auch das gemeinsame abendliche Lauschen der Geschichten, die die Großen im Garten unter freiem Sternhimmel und bei raschelndem Laub der Maulbeerbäume erzählten, zu Augenblicken, in denen die Zeit still stand und die Nacht magisch wurde.

Aus Kindern wurden sehr bald Erwachsene, die nie mehr so unbeschwert zusammenkommen würden. Willkommen in der Welt der Großen! Meine unveränderlich geglaubten Großeltern sind inzwischen gestorben und nun auf einem stillen Hügel Kırşehirs begraben. Von diesem Hügel aus zeigt sich die Welt in einem anderen Licht. Es ist ein schwer greifbarer Ort, dessen stille und geduldige Sprache ich mir durch meinen Glauben verständlich zu machen versuche.

Was ist, wenn die Welt und all die Menschen, die kommen und gehen, kurze Verkörperungen von etwas Ewigem und Guten darstellen? Im Koran, Sure 28, Vers 88, heißt es von Gott „Alles wird untergehen, außer seinem Angesicht.“ Was ist, wenn diese Welt eine Struktur gewordene und wandelhafte Reflexion seines Angesichts darstellt? Die Sufis prägten ein Verständnis von der Welt als dem Erscheinungsort der ewigen Namen Gottes. Die Seele des Menschen, sagen sie, sei ein Ort, der sich diesen Namen öffnen müsse, um ihr wahres Wesen zu erkennen und zu verwirklichen.

Wenn Gott eins ist, dann kann man auch Werden und Vergehen als zwei gleichermaßen legitime Gesichter derselben Sache sehen. Unsere Welt wird dann durch Bejahung der ihr innewohnenden Endlichkeit zwar fremdartiger, aber nicht sinnloser. Denn dieser Blick setzt Sein nicht mit aktuell erlebter Gegenwart gleich.

Im Wissen Gottes sind laut den muslimischen Theologen Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen präsent. Vielleicht hat diese zeitlose Perspektive sogar eine physikalische Seite, wie etwa im Modell des Blockuniversums, in dem die vielen Momente der Zeit wie auf einer Filmrolle gleichzeitig real sind. Demnach ist es erst unser Bewusstsein, in dem eine Trennung von Vergangenheit und Zukunft stattfindet. Mich beflügelt jedenfalls der Gedanke, dass meine Großeltern in ihren Phasen als Kind, als Jugendliche und als gealterte Greise gleichermaßen auch heute existieren, wenn auch in einem abstrakteren Sinn. Und dass ich auch heute keinen großen Schritt von der Welt meiner Kindheit entfernt bin, wenn ich nachts unter freiem Sternhimmel sitze und mir Gedanken über diese Dinge mache.

(Mein Beitrag für „Islam in Deutschland“ auf SWRinfo vom 7. Oktober)

Von Erdoğan, Satire und den Folgen für viele türkische Jugendliche

Man muss Erdoğan nicht mögen

um zu erkennen,

dass das aktuell ausufernde Erdoğan-Bashing jenseits der analytischen Kritik

verheerende Auswirkungen

auf das Bild vieler junger Türkischsstämmiger von Deutschland hat und haben wird –

zum einen, weil viele auf der Suche nach einer starken Identifikationsfigur Erdoğan idealisieren und seinen Authentizität vor allem daran messen, wie groß der Hass ist, der ihm von Seiten seiner Gegner (zu der die meisten Deutschstämmigen und auch viele Türkischstämmige zählen) entgegen schlägt,

zum anderen, weil viele von ihnen das Erdoğan-Bashing persönlich nehmen, selbst wenn ihnen manches Verhalten von ihm auch peinlich ist. Weiterlesen

Ankara blutet

Mein tiefstes Beileid gilt den Angehörigen der fast 100 Opfer des aktuell noch namenlosen Terrors mitten in Ankara, der Hauptstadt der Türkei. Es ist der bislang größte Terroranschlag in der Geschichte der türkischen Republik.

Es ist etwas Böses und Neuartiges in die Türkei gedrungen – dieses etwas trägt entgegen den zahllosen vorlauten Hetzern weder die Handschrift der PKK, noch der AKP-Regierung.

Es ist an der Zeit die innertürkischen Spannungen beiseite zu legen und die gesellschaftlichen Kluften gegen diese neue Bedrohung so weit wie möglich zu schließen.

Nicht nur in der Türkei, sondern auch hier in Deutschland.

Das hat aktuell und auch für die absehbare Zukunft aus meiner Sicht oberste Priorität, lange vor der Frage, wer formal regiert.

Liebe Türkeiverbunde,

lasst uns endlich den blinden Hass aufeinander beiseite legen und an einer Welt arbeiten, die wir unseren Kindern guten Gewissens zumuten können.

Das schließt neben vielem anderen auch die Arbeit an einer stabilen und gut funktionierenden Türkei, sowie einen innertürkischen Dialog ein, von dem wir heute leider weiter denn je entfernt sind. Weiterlesen

Zwölf Reflexionen am symbolischen Übergangspunkt der Welten in Istanbul

Nach getaner Arbeit in Istanbul bin ich gegen Abend ungeduldig mit Cem Karacas Song „Ich bin ein Nussbaum im Gülhane-Park“ in den Ohren in den Gülhane-Park gelaufen um gänzlich in der Atmosphäre Istanbuls aufzugehen und um meinen Gedanken, die mich seit Tagen begleiten, freien Lauf zu lassen. Herausgekommen sind Sammlungen von Eindrücken und Reflexionen über Fragen, die mich sehr bewegen. Fragen, deren Antworten irgendwo in meinen fragmentarischen Eindrücken von Istanbul verborgen zu liegen scheinen. Antworten, die ich entschlüsseln muss, in der Hoffnung, dass es praktikable Antworten darauf gibt. Das ist mein skizzenhaftes Ergebnis, mein vorläufiges Bosporus-Manifest auf dem Weg vom konkreten Ereignis zur grundsätzlichen Idee:

1. Fasten als kollektives Erlebnis

… fastende Menschen aller Couleur, die sich brüderlich auf dem Sultan-Ahmet Platz versammeln, es sich auf dem Boden gemütlich machen und auf das Fastenbrechen warten, und dabei so wirken, als sei der ganze Platz ein Teil ihrer Wohnung und alle Menschen um sie herum ein Teil ihrer Familie; diese unkomplizierte Haltung imponiert mir: die ganze Welt als eine gemeinsame Wohnung; dann der Sonnenuntergang, die traditionelle Kanonenkugel wird abgefeuert, der Fastentag ist beendet; die Stadt erlebt ihren zweiten Morgen…

2. Mottovorschlag

… „Wenn diese verdammte Welt ihre Tatsachen hat, so haben wir unsere Ideale.“ (D. Cündioğlu) Weiterlesen

Der Geist des Gastarbeiters

Eben habe ich Cem Karacas „Es kamen Menschen an“ aus den frühen Achtzigern als Hintergrundmusik zu einer Dokumentation zu den ersten türkischen Gastarbeitern angehört. Das ist jedes Mal bewegend – Einblicke in die Geschichte unserer Väter, die uns nur noch vom Hörensagen bekannt ist, die aber fast alles, was wir heute sind, als was wir gesehen werden, was wir können und wobei wir wie vorprogrammiert versagen entscheidend geprägt hat.

These: Solange wir DAS nicht richtig aufgearbeitet, eingeordnet und unseren Frieden damit gemacht haben, werden wir GAR NICHTS richtig aufarbeiten.

Weil wir nämlich dabei versagen den Code zu lesen und zu verstehen, der uns schon in frühester Kindheit in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Weil wir nicht verstehen, dass unser Leben Fleisch gewordene Geschichte ist, dass wir eine Rolle spielen, ohne zu wissen, zu welchem Theaterstück diese eigentlich gehört und wer der Autor war. Weiterlesen