Evolution und Schöpfung – Tagung in Münster

Ich hatte kürzlich die Freude zusammen mit Dr. Michael Blume, Prof. Ulrich Lüke, Prof. Achtner, Prof. Dittmar Graf, Dr. Heinz-Hermann Peitz und Alexander Schmidt in Münster aktiv an einer Tagung zum Thema Naturwissenschaft und Religion (Schwerpunkt: Evolution) mitzuwirken. Nachdem ich in Lichtgeschwindigkeit aufgrund von diversen Krankheitsausfällen auf muslimischer Seite vom bloßen Teilnehmer zum muslimischen Hauptreferenten aufstieg, stellte ich unterwegs noch einen Vortrag zusammen, in dem es um muslimische Haltungen zur Evolutionstheorie, zum Thema “Naturwissenschaften im BW-IRU-Bildungsplan” (s. Video, ab ca. 6:20), Occasionalismus (leider nur sehr knapp), Ghazalis Offenheit gegenüber naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, die Möglichkeit der metaphorischen Auslegung (ta’wil) der als “mutashabih” geltenden Schöpfungspassagen des Korans (schon bei Ghazali), Mustafa Öztürks evolutionsneutraler Koranexegese, klassischen und modernistischen Positionen, zu den heutigen Vermittlungsschwierigkeiten zwischen islamischem Glauben und Naturwissenschaft und zu allgemein dem Glauben gegenüber offenen Perspektiven auf Seiten der theoretischen Physik ging.

Ich habe viel Interessantes über die innerchristlichen Debatten zu diesen Themen, aber auch zum Selbstverständnis naturalistischer Richtungen erfahren. Wir haben leidenschaftlich diskutiert über die Frage der intellektuellen Redlichkeit von Zweifeln an der Evolutionstheorie, über evolutionäre Schöpfungsmodelle (die in der (zumindest mitteleuropäischen) christlichen Theologie schon fast als Mainstream gelten können), über das christliche Trauma mit der Naturwissenschaft und über muslimisches Desinteresse am aktuellen Stand der naturwissenschaftlichen Forschung.

Bei Gelegenheit schreibe ich mal über all das.

In jedem Fall denke ich, dass diese Themen sicher viel mehr Muslime interessieren, und dass sowohl innerislamisch, als auch interdisziplinär hierzu viel mehr debattiert werden sollte.

Wenn ich noch konkreter werde, würde ich sogar sagen, dass die Frage nach dem Verhältnis zwischen Naturwissenschaft und Religion eine viel substanziellere und philosophisch weitreichendere Frage ist als die vielen anderen politisch gerahmten Streitthemen heute.

Ja, hier geht es wirklich um etwas Grundsätzliches, was nicht postfaktisch heruntergehandelt werden kann.

Hier geht es um Wahrheitsfragen, die alle Bereiche tangieren – darum bitte etwas mehr Ernst und Interesse für dieses Thema!

Und bitte mehr islamische Theologen, die sich für Naturwissenschaft interessieren!

(Zum Vergleich: Der christliche Theologe und Experte auf diesem Gebiet Philip Clayton meinte mal auf einer anderen Tagung, dass jemand, der vernünftig im Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaft tätig sein möchte, in zwei naturwissenschaftlichen Traditionen, in zwei theologischen Traditionen und in der vergleichen Philosophie grundlegend bewandert sein solle. Ich meine, dass dies für den Ernst des Themas eine plausible Forderung ist.)

Für mich persönlich als gläubigen Muslim und theoretischen Physiker geht es hier um eines der für mich wertvollsten Beschäftigungen überhaupt, nämlich um das Nachdenken über Allah als schöpferischer Instanz, die in den Regelmäßigkeiten der Natur an jedem Ort und zu jeder Zeit manifest ist.

Natürlich habe ich auch die Gelegenheit nicht ungenutzt gelassen Herrn Graf, der eine Studie zu Lehrermeinungen zur Evolutionstheorie durchgeführt hatte, meine Kritik an Michael Schmidt-Salomons akademischem Inquisitionsaufruf gegen muslimische Lehrkräfte, die nicht an die Evolutionstheorie glauben, entgegenzutragen, da die Herren Graf und Schmidt-Salomon immer wieder kooperieren.

Herr Graf machte mir glaubhaft, dass er selbst unglücklich darüber ist, dass sein Name mit den Äußerungen von Schmidt-Salomon in Verbindung gebracht wird, was ich ihm glaube.

Nicht, dass ich es als gläubiger Naturwissenschaftler für einen klugen Standpunkt hielte die Evolutionstheorie pauschal abzulehnen. Ich finde vielmehr: Das mindeste, was höhere islamische Bildung hierzu leisten sollte, ist es ein oder zwei islamisch reflektierte Modelle evolutionärer Schöpfung zu kennen und weiterzuentwickeln.

Nur halte ich es für einen ebenso unklugen Standpunkt Leuten, die aus welchen Gründen auch immer nicht an eine Evolution des Lebens und vor allem des Menschen bzw. zum Menschen glauben, ihre Vernunft oder Tauglichkeit als Lehrer abzusprechen, wie es Schmidt-Salomon kürzlich auf unschöne Art tat.

Dialog hin oder her (ich unterstütze den Dialog vollauf): Jedem muss es freigestellt bleiben, ob er ein vollständig evolutionäres Schöpfungsmodell vertreten möchte, oder ob er vom Regelablauf abweichende Momente des Schöpfungsgeschehens annimmt, wie es viele Muslime (aber auch Christen weltweit) tun, ohne dadurch zu schlechteren Menschen zu werden. Beides lässt sich meines Erachtens islamisch legitimieren.

Naturwissenschaftlich nahe liegender und mit einem “aufgeräumten” Schöpfungsmodell kompatibler sind vermutlich die evolutionären Modelle.

Ungünstig erscheint mir jedenfalls das auch heute noch verbreitete Modell des “Lückenbüßergottes”, der immer dann hervorgezogen wird, wenn aktuell ein Phänomen nicht naturgesetzlich erklärt werden kann. Die historische Erfahrung zeigt, dass eine solches Gottesbild sehr schnell schon den Rückzug gegen die Naturwissenschaft antritt. So ist es über viele Jahrhunderte geschehen – weil Schöpfung oft interventionistisch, statt kontinuierlich und “eutaxiologisch” ( = schöngesetzlich) gedacht wurde.

Viel schöner erscheint mir die Vorstellung eines erstaunlich lebensfreundlich geschaffenen Kosmos (oder gar eines solchen Multiversums), in dem Gott in jedem Moment über mathematisch ausgezeichnete Gesetzmäßigkeiten die Schöpfung fortstrickt und dabei sowohl die ganze Vielfalt der Dinge hervorbringt, als auch dabei in jedem Moment die mathematische Eleganz der fundamentalen Wechelwirkungen gelten lässt, da es die Manifestionen seiner Namen selbst sind, die hier Struktur und Ordnung hervorbringen.

Er könnte natürlich auch von seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten abweichen. Nichts würde ihn daran hindern.

Es ist aber nicht undenkbar, dass diese auch in so besonderen Kontexten wie der Erschaffung des Menschen, der Erde, des Sonnensystems etc. berücksichtigt bleiben.

Ich verweise an dieser Stelle auch gerne auf meinen Auslegungsvorschlag (Achtung, es ist wirklich nur ein Vorschlag) der 6-Tage-Schöpfung, der ebenfalls von einer Kongruenz göttlichen Schöpfungshandelns (dem Koran folgend) und phänomenologischer Naturgesetzlichkeit ausgeht ( http://blog.andalusian.de/6-tage-schoepfung-2/ ). Wenn das Sonnensystem ohne Bruch mit der Naturgesetzlichkeit geschaffen werden kann, dann könnte dies auch bei der Erschaffung der Menschheit der Fall sein.

Sehr gerne erinnere ich hier auch an die Metapher der Kalam-Theologen für Naturgesetze: “Gewohnheiten Allahs”. Wenn jeder Punkt im Raum in jedem Moment von Gott neu geschaffen (bzw. aktualisiert) wird, dann ist alles Schöpfung, in jedem Moment. Wichtig ist dann nur noch, DASS der Mensch existiert und von Gott im Sein gehalten wird, und nicht das genaue Vorgehen, wie Gott den Menschen in Abgrenzung von den affenähnlichen Australopithecinen erstmals hervorgebracht hat.

Zu all diesen Fragen (weniger zur Evolution, mehr zur theoretischen Physik) habe ich aktuell einige Texte in Arbeit.

Aber wie gesagt, die Naturwissenschaft ist kein Dogma, sondern ein rationales Angebot, dem auch rational widersprochen werden darf. Nur dadurch behält sie ihre große natürliche Autorität und Anziehungskraft.

Die Würde der Naturwissenschaft braucht keine Inquisition und auch keinen Zensor – insbesondere auch nicht in Form sendungsbewusster Naturalisten.

Von der mathematischen Eleganz der fundamentalen Naturgesetze

Eine Ode an die „unverhältnismäßige Wirksamkeit der Mathematik in den Naturwissenschaften“ (E. Wigner) – am Beispiel der Symmetrien in den fundamentalen Eichtheorien

1. Einleitung

Ich möchte hier eines der für mich faszinierendsten Rätsel der Philosophie der Mathematik vorstellen, nämlich die Frage nach dem Ursprung der “unverhältnismäßigen Wirksamkeit der Mathematik in den Naturwissenschaften”, wie ein berühmter Artikel des theoretischen Physikers Eugene Paul Wigner zu diesem Thema heißt.

In diesem Beitrag sollen dabei weniger die philosophischen Antwortversuche auf diese Frage im Mittelpunkt stehen, sondern das verwunderliche Phänomen selbst, um zu zeigen, wie tief dieser Frage heute reicht – und dass sie sich umso schärfer stellt, je erfolgreicher unsere Theorien von der Welt werden. Mein Ziel wäre erreicht, wenn dieser Text Leser zu eigenen Erklärungsversuchen anregt, eine sachliche Grundlage für die Einarbeitung in die philosophischen Positionen bietet, oder zumindest eine neue und interessante Perspektive auf die uns umgebende Welt vermittelt. Der Beitrag ist wie folgt aufgebaut:

1. Einleitung
1.1 Die vier fundamentalen Wechselwirkungen in der Natur
1.2 Die mathematischen Symmetrien der fundamentalen Eichtheorien
1.3 Die beiden Grundfragen
2. Symmetrieprinzipien in der Küche, oder: wie sucht Hausmann Klaus verschwundene Bohnen?
3. Die Grundgleichungen der Naturgesetze als mathematische Palindrom-Sätze
4. Die Grundidee der Lorentzsymmetrie in der speziellen Relativitätstheorie
5. Vielfältige Materiestruktur dank Lorentzsymmetrie der Dirac-Gleichung
5.1 Die Klein-Gordon-Gleichung
5.2 Die Dirac-Gleichung
5.3 Die Dirac-Gleichung sagt einen Teilchenspin voraus
6. Antimaterie
7. Lokale Eichsymmetrie gebiert Elektrodynamik
8. Ein philosophischer Ausblick

Anhang 1: Inspirierende Abschlusszitate
Anhang 2: Positionen in der Philosophie der Mathematik
Literatur
Fußnoten

Wir wollen hier die Rolle der Mathematik für die allgemeinste und grundlegendste aller Naturwissenschaften betrachten, nämlich für die Physik. Innerhalb der Physik wiederum geht es um die etablierten Theorien zur Beschreibung der bekannten vier fundamentalen Wechselwirkungen in der Natur. Damit sind vier grundlegendsten Weisen gemeint, wie die kleinsten Teilchen, aus denen die Welt besteht, aufeinander reagieren, wie sie Anziehungs- und Abstoßungskräfte aufeinander übertragen und wie sie somit letztlich auch die Struktur der Welt im Großen bestimmen. Wir wollen skizzieren, wie in den Grundgleichungen dieser Theorien aus rein mathematischen Eleganzforderungen auf der einen Seite die Physik der Antimaterie, des Teilchenspins und des Elektromagnetismus auf der anderen Seite geradezu heraussprudelt – allesamt Phänomene, über die gar keine Informationen in die Gleichungen hineingesteckt worden waren, und die teilweise experimentell überhaupt nicht bekannt waren.

Bei diesen Theorien handelt sich dabei um die erfolgreichsten, die der menschliche Geist je hervorgebracht hat, wenn man unter erfolgreich versteht, dass sie nicht nur sehr viele sehr unterschiedliche Phänomene erklären, präzise beschreiben und auf eine gemeinsame theoretische Basis stellen, sondern zugleich auch neue Phänomene vorhersagen. Dass diese oft viele Jahre oder Jahrzehnte später experimentell bestätigt werden konnten – oft in detailgetreuer Übereinstimmung mit den theoretischen Vorhersagen –, zeigt, dass diese Theorien nicht nur das Bekannte zusammenfassen, sondern auch in bislang verborgene Bereiche der Welt vordringen. Das bedeutet, dass diese Theorien beim Versuch der theoretischen Erfassung der Welt irgendwas in einem ganz grundsätzlichen Sinn „richtig“ machen.

1.1 Die vier fundamentalen Wechselwirkungen in der Natur

Die vier von diesen Theorien beschriebenen Wechselwirkungen, die fundamental für die gesamte uns bekannte Natur sind, sind heute bekannt als:

  • die Gravitation, die von den größten kosmischen Maßstäben herab bis hinunter zu unserer irdischen Erfahrungswelt die dominierende Kraft darstellt, beschrieben durch Einsteins allgemeine Relativitätstheorie (ART)
  • der Elektromagnetismus, der die Struktur der Welt von den planetarischen Maßstäben bis tief in die Atomhülle hinunter ordnet, beschrieben durch die Quantenelektrodynamik (QED)
  • die starke Wechselwirkung, die die Bestandteile des Atomkerns strukturiert, beschrieben durch die Quantenchromodynamik (QCD)
  • die schwache Wechselwirkung, die ebenfalls im Atomkern relevant ist und bei sehr hohen Materiedichten auch makroskopisch relevant wird (die mit der Quantenelektrodynamik vereint in der Theorie der elektroschwachen Wechselwirkung dem Glashow-Weinberg-Salam-Modell (GSW-Modell) beschrieben wird)

Hier geht es weiter zum Haupttext.

Von Zeit und Vergänglichkeit (SWRinfo)

Es war ein denkwürdiger Sommer für mich – zum ersten Mal seit vielen Jahren besuchte ich Kırşehir, die türkische Heimatstadt meiner Eltern. Diese Stadt war in meiner Kindheit für mich und meine Geschwister ein legendärer Ort – hier lebten unsere Verwandten, die wir jedoch nur alle zwei Jahre für vier Wochen zu Gesicht bekamen. So ergab es sich, dass ich schon als Kind abzuzählen begann, wie oft ich noch meinen Cousins, die mich durch eine abenteuerliche Welt führten, so begegnen würde, wie ich sie kennengelernt hatte. Nämlich als Kinder.

Dass diese gemeinsame Zeit nicht mehr allzu lange dauern würde, veranlasste mich, jeden Moment mit ihnen intensiv zu genießen. So wurde auch das gemeinsame abendliche Lauschen der Geschichten, die die Großen im Garten unter freiem Sternhimmel und bei raschelndem Laub der Maulbeerbäume erzählten, zu Augenblicken, in denen die Zeit still stand und die Nacht magisch wurde.

Aus Kindern wurden sehr bald Erwachsene, die nie mehr so unbeschwert zusammenkommen würden. Willkommen in der Welt der Großen! Meine unveränderlich geglaubten Großeltern sind inzwischen gestorben und nun auf einem stillen Hügel Kırşehirs begraben. Von diesem Hügel aus zeigt sich die Welt in einem anderen Licht. Es ist ein schwer greifbarer Ort, dessen stille und geduldige Sprache ich mir durch meinen Glauben verständlich zu machen versuche.

Was ist, wenn die Welt und all die Menschen, die kommen und gehen, kurze Verkörperungen von etwas Ewigem und Guten darstellen? Im Koran, Sure 28, Vers 88, heißt es von Gott „Alles wird untergehen, außer seinem Angesicht.“ Was ist, wenn diese Welt eine Struktur gewordene und wandelhafte Reflexion seines Angesichts darstellt? Die Sufis prägten ein Verständnis von der Welt als dem Erscheinungsort der ewigen Namen Gottes. Die Seele des Menschen, sagen sie, sei ein Ort, der sich diesen Namen öffnen müsse, um ihr wahres Wesen zu erkennen und zu verwirklichen.

Wenn Gott eins ist, dann kann man auch Werden und Vergehen als zwei gleichermaßen legitime Gesichter derselben Sache sehen. Unsere Welt wird dann durch Bejahung der ihr innewohnenden Endlichkeit zwar fremdartiger, aber nicht sinnloser. Denn dieser Blick setzt Sein nicht mit aktuell erlebter Gegenwart gleich.

Im Wissen Gottes sind laut den muslimischen Theologen Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen präsent. Vielleicht hat diese zeitlose Perspektive sogar eine physikalische Seite, wie etwa im Modell des Blockuniversums, in dem die vielen Momente der Zeit wie auf einer Filmrolle gleichzeitig real sind. Demnach ist es erst unser Bewusstsein, in dem eine Trennung von Vergangenheit und Zukunft stattfindet. Mich beflügelt jedenfalls der Gedanke, dass meine Großeltern in ihren Phasen als Kind, als Jugendliche und als gealterte Greise gleichermaßen auch heute existieren, wenn auch in einem abstrakteren Sinn. Und dass ich auch heute keinen großen Schritt von der Welt meiner Kindheit entfernt bin, wenn ich nachts unter freiem Sternhimmel sitze und mir Gedanken über diese Dinge mache.

(Mein Beitrag für “Islam in Deutschland” auf SWRinfo vom 7. Oktober)

Was wir heute noch von Biruni lernen können

Vor ziemlich genau einem Jahrtausend lebte der persische Universalgelehrte Abu Rahyan Biruni. Er war in zahlreichen Disziplinen bewandert und produktiv – sei es Astronomie oder Medizin, die Geschichte der Religionen oder der Völker, Philosophie oder Chemie. Heute nach 1000 Jahren erscheinen mir seine Haltungen zu Welt, Gesellschaft und Religion noch immer aktuell, und wir können von ihm viel Inspiration schöpfen.

Besonders beeindruckend finde ich seine Position zur Vereinbarkeit von Religion und weltlicher Wissenschaft. So zitiert der gläubige Muslim Biruni gegen einige wissenschaftsfeindliche Religionsgelehrte seiner Zeit den Vers 191 der Koransure 3. Darin werden die Muslime beschrieben als jene, die über die Erschaffung des gesamten Universums nachdenken. Biruni deutet dies als Hinweis, dass sich Muslime mit allen Wissenschaften – nicht nur den religiösen – auseinandersetzen sollen, da sie das Leben des Menschen bereichern. Er plädiert auch dafür, Meinungen stets nur nach der Qualität der Argumentation und nicht nach der religiösen Identität ihrer Urheber zu beurteilen. Er begründet dies mit Sure 39, Vers 18, wo es von den Muslimen heißt, dass sie „auf das Wort hören und dann dem Besten davon folgen.“

Die großen Philosophen seiner Zeit sind ihm oft zu dogmatisch. Beispielsweise wenn Avicenna von Aristoteles die Ansicht übernimmt, dass es im Kosmos nur unsere eine Erde geben könne. Biruni argumentiert dagegen – und zwar theologisch. Er sagt, dass eine solche Behauptung die Allmacht des Schöpfers einschränken würde. Heute würde er mit seiner Idee von der Möglichkeit vieler Welten Recht bekommen.

Biruni blieb auch in Zeiten der politischen Krise offen und human gegenüber dem Fremden. Als Mahmud von Ghazna Indien eroberte, kritisierte Biruni zwar dessen hartes Vorgehen, nutzte aber die Gelegenheit, die Kultur und Religion der Hindus zu studieren. So lernte er Sanskrit und befand sich fortan als Muslim in einem intensiven und respektvollen Austausch mit den brahmanischen Gelehrten. Er übersetzte naturwissenschaftliche Werke aus dem Arabischen ins Sanskrit und verfasste zugleich eine heute noch relevante Darstellung der Kultur des damaligen Indiens.

Biruni zog seinen muslimischen Glauben dem der Brahmanen vor. Dennoch zollte er ihnen große Achtung. Er versuchte Ursprung und Sinn der indischen Lehren und Riten verständlich zu machen und zeigte unbefangen auf, worin die hinduistischen Brahmanen den Muslimen ihrer Zeit überlegen waren. Birunis Festigkeit in seiner eigenen Religion, seine Humanität und universale Bildung gaben ihm offensichtlich die nötige Stärke um dem Fremden in Respekt, Fairness und Neugier entgegenzutreten und diesem sogar Positives abzugewinnen – all dies sind Haltungen, von denen wir heute mehr denn je lernen können.

(mein aktueller Beitrag für “Islam in Deutschland” auf SWRinfo – http://swrmediathek.de/player.htm?show=ba2791f0-b5bd-11e5-a04b-0026b975e0ea)

Die Metaphysik des Schweins

Wie unrein ist das Schwein wirklich?

Wenn man das Tawhid-Prinzip des Islam gründlich durchdenkt, wird man wohl zum Ergebnis kommen, dass das Schwein im Koran nur als Speise des Menschen als unrein deklariert ist, und nicht als “Schwein an sich” (um mit Kant zu sprechen). Es ist ein rein relative Unreinheit, die nicht am Schwein, sondern am Verhältnis zwischen Schwein und Mensch liegt. Worin genau diese Unreinheit begründet liegt, bleibt koranisch offen. Das Verbot des Schweinefleischs gehört (soweit ich das begriffen habe) zu jenen Rechtsurteilen der Religion, die man taʿabbudī nennt, die also keine unmittelbar erkennbare Verbotsursache (ʿilla) aufweisen, sondern aus unserer Sicht wirklich reine Gehorsamsgebote sind. Viele andere Ge- oder Verbote des Islams hingegen lassen sich auf rational einsichtige Ursachen zurückführen. Wenn diese speziellen Ursachen entfallen, entfällt auch das Rechtsurteil (z. B. entfallen nach heute geläufiger und koranisch gestützter Lesart Kriegsgebote, wenn keine physische Aggression “von außen” vorliegt; wenn Wein zu Weinessig ist, ist das Verbot aufgehoben etc.)

Auf der anderen Seite wird man dann erkennen, dass das Schwein als Geschöpf ein schönes Wesen in dem Sinne ist, wie es im Koran von allen (!) Geschöpfen heißt, dass sie schön hinsichtlich ihrer Erschaffenheit sind. Im Schwein manifestieren sich ebenso Namen Gottes wie der Barmherzige, der Lebendigmachende, der Formgebende etc., sodass man sich gerade als Muslim davor hüten sollte etwas, dessen Verzehr (aus für uns unbekannten Gründen) für uns religiös untersagt ist als Un-Schöpfung darzustellen.

Das Schwein ist hinsichtlich seines Verweises auf seinen metaphysischen Ursprung schön.

Punkt.

Dass Feuer tödlich für uns sein kann, oder das vom Höllenfeuer die Rede ist, ändert nichts daran, dass Feuer eine segensreiche Schöpfung Gottes ist. In diesem Sinn wird man zum Ergebnis kommen, dass das Schwein nicht minder zu den Zeichen Gottes in der Natur zählt, wie alle anderen Geschöpfe auch.

Gelobt sei der, der die Arten vom Schwein bis zum Menschen als schön schuf und uns den Auftrag gab die Schöpfung als eine schöne zu erkennen und von hieraus eine Idee über die abstrakte Schönheit des Schöpfers zu gewinnen!

Es ist ein schönes Gefühl zu glauben, dass man in einem schönen Kosmos lebt, dass vom Gewürm bis zu den Galaxienhaufen alles schön ist, und dass es einen Blick hinter die Oberfläche der Dinge gibt, der auf mehr verweist als auf die rein praktische Struktur der Dinge.

Die Welt – als Gesamtheit und als Wesen an sich betrachtet – ist schön.

Trotz der Hässlichkeit, mit der wir sie zu zerkratzen suchen.

Angeraten sei dem menschlichen Schweineverachter daher zu überlegen, welches Wesen auf der Erde mehr Unheil anstiftet: Das friedliche Schwein, das seinen Schöpfungszwecken nachkommt, oder der ambivalente Mensch, hin und hergerissen zwischen der Rolle als Krone oder als dunkler Abgrund der Schöpfung…

Was tun bei Konflikten zwischen Wissenschaft und Offenbarung? (Imam Ġazālī)

Sie ist eine der theologischen Grundfragen aller Schriftreligionen: Was bedeutet es, wenn der Wortlaut heiliger Texte, die von der Natur handeln, im Widerspruch zu naturwissenschaftlichen Erklärungen geraten, für die es überzeugende Belege gibt?
 

Eine sehr differenzierte und weiterführende Antwort aus klassisch-sunnitischer Perspektive habe ich bei Imam Ġazālī (gest. 1111 n. Chr.) gefunden. Es folgt nun mein Versuch einer Übersetzung einer der interessantesten Passagen aus seiner berühmter Philosophiekritik, in der er genau auf dieses Problem eingeht und versucht es einzuordnen und zu lösen. Zugleich wirft die Passage ein Licht auf das offensichtlich angespannte Verhältnis von Vernunft und Überlieferung vor gut 1000 Jahren in der islamischen Welt. An der Aktualität der Frage, aber auch der Antworten Gazalis hat sich wenig Grundlegendes geändert. Bei Gelegenheit schreibe ich noch einen wissenschaftstheoretischen Kommentar dazu. Here we go:

Aus dem zweiten Vorwort von Abū Ḥāmid al-Ġazālīs „Tahāfut al-Falāsifa“ (Die Inkohärenz der Philosophen)

1. Die geometrische Erklärung von Mond- und Sonnenfinsternis durch die Philosophen

 “Der zweite Teil [der Uneinigkeiten zwischen den islamischen Philosophen und den anderen islamischen Gruppen] beinhaltet Angelegenheiten, die nicht den Grundlagen der Religion widersprechen. Ihre Annahme oder Zurückweisung berührt nicht die Frage der Bestätigung der Propheten und Gesandten, der Segen Allahs sei mit ihnen.
 
So sagen sie beispielsweise bei der Erklärung der Mondfinsternis, dass das Licht des Mondes erlischt, sobald sich die Erde zwischen Sonne und Mond befindet. Denn die Erde erhält ihr Licht von der Sonne. Sie ist kugelförmig und der Himmel umgibt sie von allen Seiten. Wenn der Mond sich im Schatten der Erde befindet, dann erreicht sie das Licht der Sonne nicht mehr.
Bei der Erklärung der Sonnenfinsternis sagen sie, dass diese eintritt, wenn der Mond sich zwischen die Sonne und dem, der die Sonne anschaut, schiebt. Dies passiert, wenn sich Sonne und Mond [vom Beobachter aus] in der gleichen Position [am Himmel] befinden.
 
2. Es ist töricht wissenschaftlichen Beweisen im Namen der Religion zu widersprechen
 
Wir werden auch hier nicht versuchen eine solche Auffassung zu widerlegen. Wir sind nicht der Meinung, dass dies nützlich ist. Wer glaubt, dass die Zurückweisung einer solchen [naturwissenschaftlichen] Ansicht [zu den Finsternissen] in religiöser Hinsicht eine Verpflichtung ist, verschuldigt sich an der Religion (faqad ǧanā ʿala-d-dīn) und schwächt ihre Sache. Zum Beweis solcher Angelegenheiten gibt es geometrische und mathematische Beweise, die keinen Zweifel lassen.
 
Wenn man zu jemandem, der diese Wissenschaft kennt und infolge eines Studiums ihrer Beweise die Zeiten, die Stärke und die Dauer beider Finsternisse vorhersagt, sagt: „Das widerspricht der Religion!“, dann zweifelt er nicht an der Sache, sondern an der Religion.
 
Der Schaden, den die Religion von demjenigen erfährt, der der Religion auf einem Weg außerhalb der Religion hilft, ist größer als der Schaden durch den, der die Religion auf einem Weg innerhalb ihrer angreift. Er ist wie der, von dem es heißt: „Eine vernünftiger Feind ist besser als ein unwissender Freund.
 
3. Islamische Quellen, die Themen der Naturwissenschaft berühren
 
Und wenn gesagt wird: „Der Gesandte Gottes, Allah segne ihn und schenke im Frieden, sagt: ‚Die Sonne und der Mond sind zwei Zeichen unter den Zeichen Allahs. Sie verfinstern sich nicht durch den Tod oder das Leben von jemandem. Wenn ihr solches [eine Finsternis] seht, dann nehmt Zuflucht zum Gedenken Gottes und zum Gebet.‘ Wie passt das zu dem, was sie [die Philosophen] gesagt haben?“
 
Dann sagen wir: Hierin gibt es nichts, was dem widerspricht, was sie gesagt haben. Darin [im Hadith] wird nur ausgesagt, dass es zur Finsternis nicht durch den Tod oder das Leben von jemandem kommt.
 
Und dazu, dass darin zum Gebet [bei einer Finsternis] aufgerufen wird: Es ist die Religion, die zum Gebet am Mittag, bei Sonnenuntergang und zu Sonnenaufgang aufrufen. Warum sollte es da fernliegen, dass sie es gebietet bei der Finsternis mit dem Gebet Folge zu leisten?
 
4. Was tun, wenn der Wortlaut von Quellen wissenschaftlichen Beweisen widerspricht?
 
Und wenn gesagt wird: „Es wurde überliefert, dass er [der Prophet] am Ende des Hadith gesagt hat: ‚Wenn Gott in einem Ding erscheint, dann unterwirft es sich ihm‘. Das zeigt, dass die Finsternis ihre Ursache in der Unterwerfung hat.“,
dann sagen wir: Dies ist eine Hinzufügung. Es ist nicht richtig dies zu überliefern. Man muss den Überlieferer der Lüge bezichtigen. Das, was [wirklich] überliefert ist, ist das, was wir genannt haben.
 
Doch was wäre, wenn sie [d. h. die Hinzufügung] authentisch wäre? Dann wäre ihre Interpretation (taʾwīl) [also die der Hinzufügung] leichter/naheliegender (ahwan) als die Überheblichkeit gegen gesicherte Angelegenheiten (ʾumur qaṭʿīya). Und es gibt viele Wortlaute (ẓawāhir) [in anderen Quellen], die mit rationalen Beweisen (ebenfalls) interpretiert wurden, die aber hinsichtlich ihrer Deutlichkeit nicht an diese Grenze [wie bei der geometrischen Erklärung der Finsternisse] heranreichen.
 

Und am meisten profitieren die Ketzer/Gottlosen (malāḥida) davon, wenn der Helfer der Religion erklärt, dass dies und ähnliches [an wissenschaftlich Gesichertem] der Religion widerspricht. Und er erleichtert ihm [dem Gottlosen] den Weg zur Widerlegung der Religion (ibṭāl aš-šarʿ), wenn sie [d. h. ihre Wahrheit] von Bedingungen wie dieser abhängig gemacht wird.

5. Worauf es bei der theologischen Untersuchung ankommt

Dies[e Argumentation gilt], weil es in der Untersuchung [der Theologen und der Philosophen] über die [physikalische] Welt darum geht, ob ihr Sein [im Sinne einer creatio ex nihilo] geschaffen ist oder seit Ewigkeiten gegeben ist.

Nachdem ihre Erschaffenheit bewiesen ist, ist es gleichgültig, ob sie eine Kugel oder flach ist, oder ob sie sechseckig oder achteckig ist. Und es ist gleichgültig, ob die Himmel und das unter ihnen dreizehn Schichten sind, wie sie gesagt haben, oder weniger oder mehr. Das Verhältnis des Nachdenkens darüber zur theologischen Untersuchung (al-bahṯ al-ilāhī) ist wie das Verhältnis des Nachdenkens über die Schichten der Zwiebel und ihre Anzahl, und über die Anzahl der Kerne des Granatapfels [zur theologischen Untersuchung].
 
Der Zweck ist [zu zeigen], dass seine Existenz [d. h. die der Welt] zum Tun Allahs allein gehört, wie immer es auch [im Einzelnen] existieren mag (fa-l-maqṣūd kawnuhū min fiʿl-Allāh faqaṭ kayfamā kān).”
 
[Übersetzt aus: Abū Ḫāmid al-Ġazālī / Abū Sulaymān Dunyā (Hg.), Tahāfut al-Falāsifa, Kairo 1980, S. 80–81. Die Überschriften und Klammereinfügungen stammen von mir. Für kritische Hinweise zu meiner Übersetzung bin ich dankbar.]

Die 6-Tage-Schöpfung in der koranischen Kosmologie

Es ist endlich vollbracht! Meine Studie zur 6-Tage-Schöpfung ist endlich abgeschlossen und hat 13 Texte als Produkt abgeworfen, in denen ich der allgemeinen Frage nach der Vergleichbarkeit von Koran und Naturwissenschaft überhaupt nachgehe und anschließend einen Auslegungsvorschlag zu 41:11 mache und diesen versuche exegetisch zu begründen, wobei besonders Fakhruddîn ar-Râzî (gest. 1209 n. Chr.) für mich mit zwei für mich zentralen Thesen zu 41:9-12 in seinem Tafsîr-Werk Mafâtîh al-Gayb von großer Bedeutung war.

Wer nicht gleich mit harter Theorie einsteigen will, kann auch mit meiner persönlichen Anekdote zur gesamten Thematik beginnen (der letzte Text in der Reihe). Nachdem ich mir aber in den letzten Wochen schon die Finger wund geschrieben habe, möchte ich hier nicht auch noch einen ganzen Artikel schreiben und verbleibe daher mit den Links zu den zwei Gruppen, in die ich die Texte eingeteilt habe. Ich freue mich auf kritisches und weiterführendes Feedback!

Zu den allgemeinen exegetischen und hermeneutischen Grundlagen:

Und hier die eigentlichen Texte mit einer Reihe vertiefter Analysen speziell zu Sure 41, Verse 9-12:

Auf meinem Blog sind diese Texte als mein erstes Dossier auch über den neuen Menüpunkt “Koranische Kosmologie” in der obigen Leiste zu erreichen.

Das Schema ganz unten veranschaulicht übrigens die hier von mir vertretene Lesart von Sure 41:9-12 (untere Hälfte) und vergleicht diese mit einigen wichtigen Eckdaten des Standardmodells der modernen Kosmologie (obere Hälfte, Stand: September 2015). Wie man sehen kann, ist der Entstehungszeitpunkt unserer Erde samt Sonnensystem aus einem rauchförmigen Himmel bzw. einem interstellaren Nebel sowohl in der hier vorgestellten Lesart der koranischen, als auch in der physikalischen Kosmologie jeweils der Beginn des letzen Drittels des Alters des Universums.

A propos Kosmologie: Ein besonders kosmologischer Dank gilt meiner lieben Frau Asiye, ohne deren Unterstützung und Verständnis in den letzten Wochen diese Textreihe gefühlt nicht vor der nächsten Supernova zustande gekommen wäre.

Sağ olasın, bitanem!

6-Tage-Schema

Meine Rezension zu R. Vaas: “Vom Gottesteilchen zur Weltformel” (Universitas, März 2015)

Der renommierte Wissenschaftsjournalist und Philosoph Rüdiger Vaas gibt mit seinem umfangreichen Werk “Von Gottesteilchen zur Weltformel – Urknall, Higgs, Antimaterie und die rätselhafte Schattenwelt” rund um die Entdeckung des Higgs-Teilchens einen ebenso breiten wie tiefen Einblick in den Stand der Grundlagenforschung der modernen Kosmologie und Elementarteilchenphysik. Das Buch ist dabei in fünf umfangreiche Kapitel gegliedert, wobei das erste einen Steilkurs in das Nachdenken über Teilchen und Kräfte von der Antike bis zur moderne Teilchenphysik darstellt und zugleich in die Erfolgsgeschichte des Standardmodells der Elementarteilchen einführt. In diesem war das Higgs-Teilchen bis vor kurzem der letzte empirisch noch nicht bestätigte Baustein. Im zweiten Kapitel werden die Umstände der Vorhersage und Entdeckung des Higgs-Bosons geschildert (oder im Buch genauer erklärt: eines „neuen Teilchens“, das sehr gut mit der Vorhersage des Standardmodells vereinbar ist) – und es wird geklärt, nach welchen Zerfallsprozessen genau die Forscher eigentlich Ausschau halten, die das Standardmodell für das extrem kurzlebige Higgs-Teilchen vorhersagt. Dem folgt ein umfangreiches Kapitel mit einem systematischen Rundumschlag zur Geschichte und zum aktuellen Forschungsstand zur Antimaterie, ein Kapitel über dunkle Materie und mögliche Teilchen-Kandidaten dafür und schließlich ein weiterer Steilkurs in die Suche nach der Weltformel, wobei diese Suche letztlich den roten Faden des Buches darstellt.

Das hier mühsam zusammengetragene Spezialwissen aus den verwinkeltesten Ecken der Küche der modernen Physik ist schlichtweg begeisternd. Die Wahl der Inhalte verdeutlicht zudem ebenso wie der Titel des Buches, dass die Higgs-Thematik hier im Dienste eines größeren Szenarios steht, nämlich der Suche nach einer umfassenden physikalischen Theorie von (möglichst) allem, wie sie unter anderem auch vom theoretischen Physiker Steven Weinberg, der maßgeblich zum Standardmodell beitrug und für seine Leistungen in der Theorie der Elementarteilchen 1979 den Nobelpreis erhielt, mit dem stimmungsvollen Buchtitel „Dream of a Final Theory“ auf den Punkt gebracht wurde. Vaas Werk kann sowohl als eine aktuelle (und durchaus prunkvolle) Bestandaufnahme dieses Traumes gelesen werden, als auch als Plädoyer für die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit weiterhin keine experimentellen und theoretischen Mühen auf diesem Weg zu scheuen. In dieser durchaus nicht nur naturwissenschaftlichen, sondern auch philosophischen Perspektive auf eine im Grunde einheitliche Natur spielen die Eigenschaften der Elementarteilchen, ihre Wechselwirkungen auf fundamentaler Ebene und die Einbettung derselben in Raum und Zeit die entscheidende Rolle. Die betrachteten Gesetze sollen dabei so allgemein und so einfach wie möglich sein, wobei „einfach“ hier freilich ein „einfach“ auf hohem mathematischem Niveau bedeutet. Weiterlesen