Vom mitternächtlichen Bewusstsein

Ich liebe die Mitternacht und die Zeit nach Mitternacht.

Sie ist der entrückte Umschlagplatz der Inspirationen.

Sie scheint mir allein zu gehören, die Mitternacht, seit jeher schon.

Gibt es doch kaum jemanden, der mir um die Zeit die Welt strittig machen wollte.

So wird das zu einer Win-win-Situation:

Ich lasse euch in Ruhe nächtigen, und ihr lasst mich in Ruhe mit meinen Geistern konferieren.

Es ist diese verheißungsvolle Stille, die diese Nächte so voller Spannung macht.

Sie wird nie durchbrochen, diese Stille, und es ihr auch wesensfremd durchbrochen zu werden.

Losgelöst vom profanen Rhythmus der Tageswelt, des banalen Zeitplans.

Ich verzichte hier gerne auf etwas Schlaf.

Das, was dafür geschenkt wird, ist mir wahrere Wachheit.

Es ist das Gefühl sich für einen Moment in der Schaltzentrale der Welt bzw. der eigenen Welt wiederzufinden.

Ein kurzer Moment des Gefühls, dass man ganz leise das Gute im Dunkeln keimen hört, dass es des Anbruchs eines ewig weit entfernten, aber doch unmittelbar bevorstehenden Morgens harrt.

Das Wahre, Gute und Schöne rücken hier geradezu in sinnliche Reichweite.

Aber es bleibt besser verborgen, als Idee, als Gefühl.

Die undurchbrochene Stille ist größer als der individuierte Klang, mag er noch so schön sein.

Es ist das seltsame Gefühl, dass das Denken sein Gegenüber erahnt, dass eine umgedrehte Suche vom Ziel her beginnt, dass dem Gottesdienst in chiffrierter Sprache geantwortet ist.

Das Ticken der Uhr erinnert an den Fortgang der Zeit.

Zeit und Vergänglichkeit werden zur Strömung unter mir.

Vergänglichkeit ist verzichtbare Perspektive.

Zeit ist, was bleibt.

Zeit ist gut.

Hoffnung ist unzerstörbar.

Dass alles wieder ganz wird.

Dass es eigentlich nie getrennt war.

Hoffnung gründet in Metaphysik.

Es ist der Glaube, dass der Urgrund der Dinge in irgendeinem Sinne gut ist, dass ich an etwas Gutem teilhabe, dass ich zwar selbst der Strömung unterliege, aber dass die Strömung hier mein Verbündeter ist, im Dienste von Größerem steht.

“Flucht nicht auf die Zeit, denn Allah ist die Zeit”, heißt es in einem Hadith.

Das Sein auf der Seite der Sinne erscheint als Fluss von Nichtigkeiten und Flüchtigkeiten.

In diesen Flüchtigkeiten spiegelt sich jedoch Bleibendes, Konstantes.

Das mitternächtliche Bewusstsein befindet sich mit einem Ende in der Welt dieser Strömungen, stets im Angesicht der Gefahr zu verfließen, sich im Kräftefeld der Dinge aufzulösen.

Mit dem anderen Ende ist es bis auf einen festen Urgrund getaucht, auch wenn ich diesen Urgrund selbst nicht sehe.

Er zeigt sich mir in Mathematik, in Struktur, in Zeitlosigkeit.

Er zeigt sich mir im Bewusstsein, im Wunder der wahrgenommenen inneren Kohärenz, in der Fähigkeit zu leben und mein eigenes Denken wahrzunehmen.

Er zeigt sich mir im Naturgesetz, in der inneren und äußeren Ordnung, im Gefühl den Urgrund unter mir zu erfühlen, wenn ich Quantenfeldtheorie betreibe, wenn ich die Einstein-Friedmann-Gleichungen nachrechne, wenn ich die Symmetrien der fundamentalen Theorien bestaune.

Es ist das beheimatende Gefühl, dass der Weg vom Urgrund weg stets wieder zum Urgrund selbst führt.

Die einen Manifestationen von Allahs Namen wechseln sich ab mit den anderen.

Und doch handeln sie stets nur von einem, das zu groß ist, als dass ich es fassen könnte, aber das mir in solchen Momenten so klar aufscheint, dass ich unendlichen Glauben daran zu haben meine.

Hoffnung ist unzerstörbar.

Hoffnung ist der apriorische, von Erfahrung losgelöste Glaube an den Urgrund.

Er kann nicht hergeleitet und auch nicht logisch begründet werden.

Er ist entweder da, oder nicht da.

Er ist eine Art das eigene Bewusstsein und die Welt zu lesen.

Alles andere sind Details, Nichtigkeiten im Vergleich zum Hauptthema.

Vielleicht hat jeder einen anderen Namen dafür, aber meint dasselbe – ich weiß es nicht. Ich muss es auch nicht wissen. Denn es ist mir egal. Denn es ist egal.

Das mitternächtliche Bewusstsein ist nicht polemisch, es ist betrachtend.

Es ist nachdenklich, nicht berechnend.

Es zweifelt an aller Erscheinung.

Aber es ruht in fester Stille auf dem sichersten Urgrund, den es gibt.

Auf dem einzigen Urgrund.

Auf dem Urgrund.

Es findet zu sich, es erkennt das Bleibende, es identifiziert sich mit der Substanz im Fluss seiner Gedanken…

Es wird aber nie selbst zu diesem Fluss, solange es sich eine Substanz erahnt…

Lebenszeichen und Post-Facebook-Ära

Wow – offensichtlich habe ich hier seit Januar nichts mehr gepostet. Dafür gibt es viele Gründe – der letzte wäre der, dass ich nichts mehr geschrieben oder zu schreiben gehabt hätte. Ein wichtiger Faktor war sicher, dass ich lange auf Facebook unterwegs war, was viel Zeit kostet, wenn man am Tagesgeschehen interessiert ist.

Andererseits ist Facebook alles andere als beständig, auch wenn man auf einen Schlag das Gefühl hat die ganze Welt um sich herum, oder gar als Publikum zu haben, dass seinen Applaus durch Likes und Teilen von Beiträgen kundtut.

Nun, das war und ist eigentlich nicht die Art von publizistischer Tätigkeit, wie ich sie mir immer gewünscht habe. Für mich war das Bloggen phasenweise ein Gefühl maximaler Freiheit. Eine Menge Ideen, die ich heute verfolge, habe ich auf meinem Blog entwickelt, oder zumindest dort dokumentiert. Insofern ist das hier einer meiner wichtigsten Denktagebücher.

Zugleich habe ich nicht den Eindruck, dass das hier sehr viel bewegt hätte – wobei ich aber auch sagen muss, dass ich eine Reihe von Anfragen von verschiedenen Stellen anlässlich meiner Blogpräsenz erhalten habe.

Dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack – war das wirklich alles, möchte ich fragen.

Nein, das war es natürlich nicht.

Ich hatte in den letzten Jahren privat und beruflich viel Anlass Themen, Thesen, Projekte und Theorien zu testen, zu vertiefen, weiterzuentwickeln. Vieles davon vermittle ich heute in Form von Lehrerfort- und -ausbildungsveranstaltungen. Es ist klar, dass dies eine für mich viel wichtigere, da nicht zuletzt berufliche Aufgabe ist, als qausi “ins Blaue” zu posten, ungewiss, wen und was ich damit erreiche, also quasi mit der Schrotflinte nach Sonnenuntergang in den dunklen Wald zu schießen, in der Hoffnung, dass man vielleicht ein besonders wertvolles Wild erlegt (man war das jetzt eine bescheuerte Metapher…).

Aber wie man vielleicht meinen Zeilen anmerkt, hat sich da wieder einiges an Schreiblust zusammengebraut. Diesmal wird es aber anders werden, denke ich.

Ich habe hier nicht mehr vor hier Kilometer lange wissenschaftliche Abhandlungen einzustellen (das mache ich am besten woanders, oder in den Dossierbereichen), sondern ich möchte das hier wirklich wieder gerne in eine Denkfabrik umfunktionieren.

Es soll hier rauchen und qualmen!

Aber so richtig !

Zugleich habe ich aber keine Möglichkeit Debatten anzuleiten oder mitzutragen.

Ich möchte einfach das grandiose Gefühl von Freiheit beim Schreiben wiedergewinnen und genießen – und freue mich, wenn ich damit auch den einen oder anderen anstecke.

Es ist echt irre: Fast alles, da ich woanders schreibe, tue oder referiere, möchte ich mal hier auf meinem Blog verewigen. Und bereits diese Absicht gibt mir das Gefühl das entsprechende Thema für mich (im positiven Sinne) abschließen zu können und schwupp – ist es tatsächlich schon abgeschlossen, ehe noch eine Zeile geschrieben ist.

Ist mein Blog für mich nur so etwas wie ein mentaler Puffer?

Und kann bzw. sollte er nicht mehr sein, zumal ich hier wirklich viele hunderte Seiten Text digital verewigt habe (wobei das voluminöse Verb “verewigen” hier ein ganz banales “Einstellen und für paar Jahre Vergessen” meint)?

Vielleicht ist mir jetzt wieder bewusst geworden, dass mein eigentlicher “Adressat” (als Mensch, aber auch speziell als Denker oder Wissenschaftler) nicht in dieser digitalen Welt beheimatet ist.

Genau diese Erkenntnis ist es doch letztlich, die mich auch dazu bringt alle paar Monate meine Facebook-Konto zu deaktivieren und wütend auf die Zeitverschwendung dort zu schimpfen.

Und ich sage es ganz ehrlich: Die Zeiten ohne Facebook sind traumhaft!

Vor allem, wenn man so wie ich sich ständig in Islam- und Türkeithemen verstrickt, was im öffentlichen Diskurs emotional leider sehr kontraproduktive Wirkungen hat.

Aber warum kehrt man dann da wieder zurück?

Nun, zu 90% kehrt man zurück um Kontakt mit einigen engagierten und intelligenten Leuten aufzunehmen, die man am leichtesten dort erreichen kann (oder von denen man sich dies zumindest so einredet, noch ehe man im Internet nach einer Mailadresse der besagten Personen gesucht hätte).

Zu einem Anteil von 10% aber kehrt man für Blödsinn, Polemiken-Verfolgen etc. zurück.

Nach kurzer Zeit schon wächst dieser Blödsinnanteil wie ein schnell und laut heranrasendes Motorrad aber auf satte 90% an und die intelligente Wuselei rutscht fast unter die 10%-Hürde.

Nur mit dem Unterschied, dass das Motorrad hier nun genau neben dir bleibt, und du dich an den Dauerlärm gewöhnst.

Und das täglich nagende Gewissen sonnt sich immer noch im Glanz der ursprünglichen guten Absicht.

Was für ein Mist, ehrlich.

Andererseits ist das dies doch genau eine der zentralen Unphilosophien zur Wahrung schlechter Gewohnheiten und zum Schönreden von Peinlichem:

Hole einmal weit mit guter Absicht aus. Dann verschieße dein Pulver nahezu komplett. Und dann kommt der magische dunkle Moment: Irgendwo zwischen “kurz ausruhen wollen” und “kurz reinschauen wollen” rutscht man für einen Moment in den Zapp-Modus. Dann wird kurz das Gewissen ausgeknipst und man beginnt sich z. B. mit polemischen oder weder diesseitig noch jenseitig nützlichen Texten und Kommentaren vollaufen zu lassen. Dann erwacht das Gewissen, doch man hat immerhin noch nicht sein ganzes Pulver verschossen. Vielmehr hat man genau so viel übrig gelassen, dass man dem schlechten Gewissen zurufen kann: “Hey, du da! Keine Sorge! Schau her, passt doch alles!”

Und ehe man sich versieht, ist man genau in dem Modus angekommen, wegen dem ich mit meiner Liebsten vor nunmehr fast genau 10 Jahren, als wir heirateten, beschlossen hatten daheim keinen Fernseher aufzustellen – nicht weil wir ansonsten nun medienfrei leben würden, sondern weil uns das Gammel- und Hirneinschläferungsrisiko beim TV-Glotzen nach ermüdendem Arbeitstag als besonders hoch schien.

Aber siehe da, Facebook und Nefs (hier im Sinne des inneren Schweinehundes) konspirieren so genial miteinander – vermutlich durch Aktivierung des Lustzentrums im Hirn, wenn man für irgendeinen Bullshit von jemandem, der gerade Mitleid mit einem hat, ein kostengünstiges Like hingeknallt bekommt – dass die rationale TV-Flucht zu Gunsten des schöneren Lebens von raffinierten Geistern und Dämonen in Richtung von FB-Rückfällen ge-by-passt bzw. kurzgeschlossen wird.

Genau dies – in Form von Facebook – habe ich nun also vor einiger Zeit abgestellt.

Und versuche die frei gewordene Zeit und Energie sinnvoll zu investieren.

Und das Beste ist: Es funktioniert!

Natürlich ist Facebook nicht nur schlecht – oder ne, doch: Es ist einfach nur schlecht!

Zumindest dann, wenn man ohnehin nur knappe Sozialitätsreserven hat und die nicht digital verplempern möchte.

Soviel also zu meiner kurzen (und nicht ersten…) Abrechnung mit dem Allesschlucker Facebook.

Also, sieh dich vor und zieh dich warm an, Blog!

Auf dich kommen harte Zeiten zu!

In diesem Sinne,

Salâm alle miteinander…

 

Lasset uns in shâ’a Allâh… eine Theorie der Quantengravitation finden!

“Lasset uns in shâ’a Allâh eine konsistente und renormierbare Theorie der Quantengravitation finden.”
 
-“In shâ’a Allâh, akhî! Die Brüder und Schwestern der Ansâr al Khilâfa al Islâmîya al fannîya (Helfer der islamischen naturwissenschaftlichen Nachfolgeschaft) arbeiten schon seit Jahren daran. Sie haben dazu eine neue mathematische Theorie entwickelt.”
 
“Mâ shâ’a Allâh! Kommt sie ohne die kompaktifizierten Raum-Zeit-Dimensionen der Stringgtheorie aus?”
 
-“Al hamdulillâh, das tut sie. Die Brüder und Schwestern haben in der Nacht der Geburt unseres geliebten Propheten Muhammad ‘alayhissalâtu wassalâm eine neue nicht-abelsche Symmetriegruppe auf einem quaternionischen Isospinraum mit gebrochener Dimension entdeckt, die den Gruppentheoretikern der jüdischen und christlichen ahl al-kitâb entgangen sein muss.”
 
“Sie haben den erhabenen Qur’an offensichtlich sehr ernst genommen. Denn er sagte doch noch in Medina zu den Juden, Christen und Muslimen: “Eifert untereinander um das Gute.” Aber wir genau ist dies ihnen gelungen?”
 
– “Sie haben Tag und Nacht gearbeitet, jede freien Minute zwischen Büchern und Zeitschriften und im Disput verbracht. Ich dachte schon, sie hätten den Verstand verloren. Aber es war viel mehr so, dass sie viel tiefer und klarer in die Nacht des Quantenvakuums blickten, als es mir je möglich war. Nie traf ich sie an, ohne dass sie etwas schrieben, lasen, heiter disputierten oder in Gedanken versunken waren. Wann immer ich ihnen begegnete, forschten sie entweder an ihrer Theorie weiter, programmierten sie numerische Näherungen ihrer analytischen Theorie, oder sie standen beim Gebet, oder gingen wie einst Abu Ali Ibn Sina in die Moschee um dort den Schöpfer des Alls um Inspiration anzuflehen für die Lösung ihrer Integralgleichungssysteme, nachdem sie eine großzügige Sadaqa gespendet hatten.”
 
“Mâ shâ’a Allâh! Und Allah (swt) spendet seine erhabene Sakîna in die Herzen genau solcher feinen Geister. Wie könnte je Kufr und Shirk in solche Herzen dringen? Noch eine Frage: Liefert die Theorie empirisch validierbare Ergebnisse?”
 
-“Bei Allah, und ob sie das tut! Das Gewebe der Raumzeit samt den konstitutiven Quantenfeldern der Schöpfung erhebt sich daraus wie die Sonne nach dem Fajr-Gebet an einem klaren Sommertag. Ich habe es selbst siebenmal in allen Einzelheiten nachgerechnet. Wallâhi, es war jedes Mal wie eine Tawâf beim Hajj in Mekka.”
 
“Subhânalllâh! Du hast von gebrochener Dimension des Isospinraums gesprochen. Ich hätte nie gedacht, dass die Dimension eines Isospinraums gebrochen sein könnte. Das gab es bislang nur in der dimensionalen Regularisierung als störungstheoretische Zwischenstufe. Wird die Theorie dadurch nicht unschön?”
 
-“Unser Prophet, sallallâhu ‘alayhi wasallam, hat gesagt: “Allâhu subhânahu wa ta’âlâ ist schön und er liebt das Schöne.” Ist es denkbar, dass eine Theorie, die die Schöpfung Allahs erfolgreich beschreibt, hässlich ist?”
 
“Bei Allah, nein! Erhaben ist er über das, was die Mushrikûn ihm beigesellen. Sein sind die schönsten Namen und Gleichungen, und ihn preist, was in den Himmeln und auf der Erde ist!”
 
-“Sadaqta, akhî! Unseren Brüdern und Schwestern ist es gelungen eine Quantenfeldtheorie in Non-standard-Analysis zu formulieren, deren Anfang eine algebraische Basmala, deren Mitte ein kosmischer Tasbîh und deren Ende die ‘ibâda von Vernunft und Herz ist.”
 
“Das erinnert mich an die Âya “Wir werden ihnen an den Horizonten und in ihren Herzen unsere Zeichen zeigen, auf dass sie erkennen, dass es die Wahrheit ist.” Mâ shâ’a Allâh! Allah ‘azza wa jalla bezeichnet die wahren Mu’minîn im erhabenen Qur’ân in einer anderen ehrwürdigen âya der Sura Âl-i Imrân als jene, die im Sitzen, Liegen und Stehen Dhikrullâh machen und über die Erschaffung der Himmel und Erde nachdenken.”
 
– “Subhânallâh, sie sind Hoffnung für die Umma des Islam und der anderen Religionen und Weltanschauungen. Sie werden den Tawhîd, der in der Natur manifest ist, für jeden sichtbar machen, in shâ’a Allâh. Die Baraka dieser Tat wird die Welt für immer erleuchten. Allah (swt) möge ihren Verstand erleuchten und uns alle zur Wahrheit führen.”
 
“In shâ’a Allâh, Bruder. Was planen sie danach?”
 
– “Eine Schwester meinte, das sie gemeinsam mit einigen Freunden von den Yahûd und den Nassâra an einem Mittel gegen den Krebs forschten und schon große Fortschritte darin gemacht haben. Sie wird die bisherigen Ergebnisse nächste Woche auf einem Wissenschaftscamp in Sham in Syrien vorstellen.”
 
“Subhânallâh! Wie es in einem ehrwürdigen Hadith heißt: “Die Engel senken ihre Flügel vor den Suchern des Wissens”. Und im heiligen Qur’an heißt es, dass das Retten des Lebens eines Menschen dem Retten der Menschheit gleichkommt.”
 
– “Das ist noch nicht alles. Der Arbeitskreis der sunnitisch-schiitischen Ansâr Dâr as-Salâm wiederum hat ein hoch effizientes globales Netzwerk gegründet, das quer durch alle Ideologien der Welt verläuft, und mit dem sie glauben das Blutvergießen auf der Erde stoppen zu können. Sie nennen dies den Bund der Vernünftigen. Dieser Bund besteht aus autonomen Arbeitsgruppen aller Weltanschauungen in allen Regionen der Welt, die sich im Wunsch vereinen, wie sie sagen, die Welt aus den Händen der Irren aller Religionen und Ideologien zu retten.”
 
“Ich kenne interreligiöse Dialoge und Friedensmärsche. Aber wie bei Allah soll das hier funktionieren?”
 
– “Sie sagen, die Anhänger jeder Ideologie kennen die Irren und Gestörten aus ihren Kreisen am besten und sind damit auch ihre wirksamsten Feinde. Sie sagen, entweder gehen wir alle gemeinsam zugrunde, oder wir befreien uns alle gemeinsam von unseren Irren. Sie sagen, eine Welt, die von Kapitalisten, Nationalisten, Faschisten, Psychopaten und Glaubensfanatikern aller Kulturen zugrunde gerichtet wird, kann nur durch einen Schulterschluss der Vernünftigen aus all diesen Kreisen gerettet werden. Ihr Kommunikationssystem ist ähnlich komplex wie die bisherigen quantenmechanischen Rechnungen der Ansâr al Khilâfa al Islâmâya al Fannîya. Das Organigramm sieht aus wie ein neuronales Netzwerk. So etwas habe ich noch nie gesehen.”
 
“Wallâhi, das klingt noch viel schwieriger als die Suche nach einer konsistenten Theorie der Quantengravitation.”
 
– “Ja. Sie sagen aber, dies erfolgreich durchzuführen sei ‘ibada und unabweisbare Pflicht, da die Engel ja einst als Bedenken gegen die Erschaffung der Menschen vor ihrem Schöpfer vorgebracht hatten, dass diese im Unterschied zu den Engel für Blutvergießen sorgen könnten. Sie sagen nun, es ist die oberste Pflicht für die wahren Muslime sei diese Bedenken zu widerlegen, da diese Zweifel in den letzten Jahre wieder lauter geworden seien. Da es auch einige fehlgeleitete Muslime waren, deren verwerfliche Gewalt an Unschuldigen mit zu dieser neuen religionsfeindlichen Stimmung beitrug, fühlten sich unsere Brüder und Schwestern besonders beleidigt und provoziert. Sie wollen sich nun für diese Beleidigung der Ehre des Islam an jenen irregeleiteten Muslimen rächen, die die Zeichen Gottes für einen geringen Preis verkauft haben. Und an all ihren Gleichgesinnten weltweit. Mit einer noch nie dagewesenen Offensive für den Weltfrieden.”
 
“Ist das dein Ernst?”
 
– “Ja, Bruder. Ich sah noch nie so einen Ernst in den Augen dieser jungen Leute, die selbst alle Kinder von Krieg und Verfolgung sind.”
 
“Yâ Rabbanâ! Gib du ihren und unseren Herzen Kraft um sie erfolgreich zu machen in der dunya und in der akhira!”
 
-“Âmîn!”
 
(ein Dialog, inspiriert durch den Buchtitel “Lasset uns in sha’a Allah ein Plan machen” von Michael Kiefer et al. über einen Whatsapp-Chat von IS-Jüngern während einer Terroranschlagsplanung.
 
Ich finde meinen Dialog WESENTLICH islamischer, Subhânallâh!)

Interview zum islamrechtlichen Status des IS

Frage: Was ist der IS?
 
Antwort: Der IS ist die wohl verblendedste, barbarischste, feigste und ehrenloseste Terrororganisation der Welt.
 
Frage: Aber der IS argumentiert doch islamisch – sollte man dies nicht auch erwähnen?
 
Antwort: Pfff, meinetwegen. Der IS ist neben oben Genanntem auch eine von Viren zerfressene Raubkopie des Islam. Das macht ihn nicht islamisch. Verdorbene Religion ist nicht besser als verdorbenes Fleisch. Der IS ist eine Splatter-Karikatur des Islam. Der IS vertritt ein Islamverständnis (bzw. -unverständnis), das zurecht und notwendigerweise von fast allen Muslimen und recht und billig denkenden Menschen abgelehnt wird.
 
Frage: Aber die Theologie des IS scheint doch für manche junge Leute ansprechend zu sein.
 
Antwort: Eben. Aber an dieser Stelle geht es nicht um Theologie, sondern um anderes, unter anderem um Testosteron. Merke: In der Praxis schlägt Testosteron jede noch so konservative oder liberale, steinharte oder kuschelweiche Theologie. Wir leben nicht in Zeiten der Wahrheitssuche, sondern in einer Zeit der Gier nach klar abgegrenzter und eindeutiger Identität. Die Rolle von Theologie wird überschätzt, wenn es um die Erklärung kollektiver, psychologischer und tendenziell triebgesteuerter Verhaltensmuster geht, wie es dem Habitus des IS zu eigen ist.
 
Frage: Habitus des IS?
 
Antwort: Morden, Gewaltpornos drehen und damit global exhibitionieren gehen, vergewaltigen, den Dicken geben. Das ist der IS.
 
Frage: Aber es gibt doch auch Terorrorganisationen aus anderen weltanschaulichen Zusammenhängen, sowie technologisch hoch entwickelte Unrechtsstaaten auf der Welt. Und keiner kann behaupten, dass der IS global bisher mehr Leid angerichtet hätte als der Raubtierkapitalismus. Warum werden Sie bei diesen nicht so wütend wie beim IS? Wo bleiben Ihre Verwünschungen und Wuttiraden dort?
 
Antwort: Nun, nüchtern betrachtet haben Sie Recht. Dass die Barbarei im IS unmittelbar manifest ist, ja ihr Wesen definiert, relativiert nicht die Barbarei, die in der Doppelmoral der moralisch ambivalenten Moderne als jederzeit aktivierbares – und oft genug aktiviertes – Potenzial vorliegt. Aber: Die meisten Raubtierkapitalisten und Waffenanbeter dieser Welt begehen ihre Verbrechen nicht im Namen meiner Religion. Die Verbrecherorganisation des IS hingegen hat sich mein Glaubensbekenntnis auf ihre Flagge geschrieben! Verstehen Sie? Da steht “La ilaha illa Allah, Muhammadun Rasul Allah”. Diesen Satz zitieren selbst besoffene Muslime regelmäßig. Es ist unser Glaubensbekenntnis. Diese Gewaltpornodreher haben das auf ihre Flagge geschrieben. Verstehen Sie? Diese Typen sind !?#@!$”e798asfjkmsdf (längerer zensierter Abschnitt)! Verstehen Sie mich?
 
Frage: Ja, das war nicht misszuverstehen. Nebenbei: Ich wusste gar nicht, wie derb und in welch epischer Breite Sie fluchen können.
 
Antwort: Ja. Ähem. Danke. Wechseln wir das Thema.
 
Frage: Wo haben Sie dieses virtuose Fluchen gelernt?
 
Antwort: Wann immer ich versuche den IS rational mit Hilfe des Schreibens zu verarbeiten, lande ich nach ein paar Zeilen Analysen schon bei solchen originellen Verwünschungen und ganz schlimmen Ausdrücken. Und… Äh… Können wir endlich das Thema wechseln?
 
Frage: Wie ist der IS aus islamischer Perspektive einzustufen?
 
Antwort: Der IS ist wahrscheinlich genau die Art von Menschentum, vor der die Engel den Schöpfer vor der Erschaffung des Menschen warnten. Sie brachten ihre Bedenken zum Ausdruck, dass ein solches Geschöpf womöglich nur Blutvergießen und Verderben auf Erden anrichten würde (Koran, 2:30). Der IS schickt sich an die eigentlich durch die Vernunft- und Sprachfähigkeit Adams erledigten Bedenken der Engel wieder neu aufzuwerfen (Koran, 2:31-33).
 
Frage: Wie würden Sie den islamrechtlichen Status des IS beschreiben?
 
Antwort (wird wieder wütend): Pfff… Islamrechtlicher Status? Soll das ein Witz sein? Jedes im Dreck watende Wildschwein ist islamisch reiner als der IS.
 
Frage: Aber das Fleisch des Wildschweins ist doch haram. Ist da da so ein Vergleich angemessen?
 
Antwort: Und ob! Ich sagte ja nicht, dass das Wildschwein nun halal ist, nur weil es nun noch viel größere und unreinere Schweine gibt. Ich sagte nur, dass das Wildschwein im Vergleich zum IS reiner ist. Verstehen Sie? Außerdem sollten Sie solche Aussagen nicht analytisch überbewerten. Sie sind eher Absagen als Aussagen.
 
Frage: Aber mit diesem Wildschweinevergleich werden Sie arg polemisch. Ist Beleidigung ein angemessener Ton im Umgang mit so einem ernsten Thema?
 
Antwort: Stimmt, das war eine Beleidigung. Ich entschuldige mich bei allen Wildschweinen dieser Welt dafür, dass ich sie mit dem IS vergleichen habe. So eine Beleidigung hat auch das borstigste und schmutzigste Wildschwein der Welt nicht im Entferntesten verdient! Aber wo analytische Worte versagen, greift nun mal die verbale Gewalt durch, sehen Sie mir das bitte nach. Ich kann Ihnen aber versichern, dass diese Sprechweise eine immer noch vergleichsweise milde Annhäherung an das darstellt, was der IS in seinem inneren Wesen wirklich ist.
 
Frage: Danke für das Interview!
 
Antwort: Gerne!
 
(Hinweis: der Fragende und der Antwortende sind Stimmen meines inneren Teams)

Eine neofaktische Stinkefinger-Theorie

Manchmal scheint mir, das Haltbarkeitsdatum unserer Welt ist unbemerkt vor lauter “Debatten” klammheimlich abgelaufen und eine kosmologische Kotzorgie braut sich über uns zusammen…

Dann habe ich keine Lust all das philosophisch und differenziert zu kommentieren…

Nur Lust den Hirntötern dieser Welt (mein Gott, es sind so viiiiele!) einen postfaktischen, oder noch besser: einen neofaktischen Stinkefinger entgegenzuhalten, ehe sie uns alle um das letzte bisschen Vernunft bringen…

Das wäre mein Therapievorschlag!

Am besten zur besten Mittagszeit vom Schlossplatz in Stuttgart aus, aus allen Himmelsrichtungen sichtbar, unmissverständlich und ohne jede allegorische Umdeutbarkeit…

Es ging mir schon lange nicht so…

Wenn sich alle Hoffnungsträger, klein und groß, der Reihe nach verabschieden, zu fanatischen Anhängern der Unvernunft konvertieren, sich alle für unfehlbar und makellos erklären und gekränkt sind, wenn man ihnen einen noch so kleinen Spiegel entgegenhält…

Und wer leidet? Die vielen Menschen, die etwas von diesen Hoffnungsträger auf den unterschiedlichsten Seiten hielten und erhofften.

Sie alle haben diese Idioten nicht verdient.

Am besten letztere einsperren bis zur vollständigen Genesung, ehe man ihnen je wieder ein Fünkchen Verantwortung für irgendwas überträgt…

Aber nein, das geht nicht…

Genau das ist doch die Methode der Unvernünftigen, oder?

Aber kein noch so kleiner Spiegel ist denen willkommen.

Was also tun?

Ganz einfach.

Wir bleiben einfach beim neofaktisch universalisierten STINKEFINGER, zur besten Mittagszeit, mitten vom Stuttgarter Schloßplatz aus!

Und gehen unserem Leben und unseren Pflichten nach, intensiver und leidenschaftlicher als bisher, und versuchen das Haltbarkeitsdatum der Welt durch eine Auffrischung der Reserven und durch einen Schulterschluss der Vernünftigen quer durch alle Ideologien, Parteien und Gruppen etwas zu verlängern.

Und wenn doch noch die kosmologische Kotzorgie losbricht – Gott bewahre! – dann bleibt uns wenigstens die Heiligkeit des guten Willens, die Hoffnung auf der richtigen Seite gestanden zu haben, nämlich auf gar keiner der aktuell angebotenen…

Ich bin so sauer, ey…

Was tun bei S-Bahn-Prügeleien zwischen Punks und Kanaken? (Für Fortgeschrittene)

Neulich stieg Arif an einem Freitag Abend in die Stuttgarter S-Bahn und ärgerte sich über laute Jugendliche, die sich in der Bahn mit diversen Alkoholika vollaufen ließen – trotz des ausgeschriebenen Verbots von Alkoholkonsum in öffentlichen Verkehrsmitteln. In seinem Rucksack schleppte er schon den ganzen Tag ein Buch über kulturelle Identität und seinen Laptop mit sich herum, auf dem er in freien Minuten Texte über Identitätsfragen schrieb. Nach dem Umsteigen stand er am Ende eines vollen S-Bahn-Wagens. Auf den einander zugewandten Sitzmöglichkeiten auf der linken und rechten Seite des Zuges wechselten sich von Haltestelle zu Haltestelle junge Fahrgäste ab.

Zuletzt hatte sich ein korpulenter Punk mit zwei Mädchen auf die linke Bankreihe gesetzt. Arif dachte sich, dieser Punk hätte gut als Ausstellungsstück in die aktuelle Ausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie über Menschenbilder aus verschiedenen den Jahrhunderten gepasst. Interessiert zählte er seine Gesichtspiercings und studierte seinen ehrwürdigen, in Violett- und Rosatönen schillernden Irokesenschnitt. Auf seinem Rücken prangte ein großer Aufnäher, auf dem ein Hakenkreuz abgebildet war, das in einen Mülleimer geworfen wurde. Der Punk hieß Marcel – und war betrunken genug, dass ihm nicht auffiel, dass Arif ihn von der Seite musterte.

Beim nächsten Halt sollte sich die gegenüberliegende Bankreihe ebenfalls füllen. Herein kamen drei junge Südländer mit Halsketten und sportlichem Outift und. Erst dachte Arif, das sind bestimmt Türken, bis er bei zweien, nämlich Özgür und Murat, Halskettenanhänger mit Kurdistanumrissen erblickte. Aha. Kurden waren das also. Sie konnten aber sicher auch Türkisch. Der dritte der Runde hieß Zamir und hatte kurzes blondes Haar. Weiter hinten saß noch ein Italiener names Alfonso, der später noch eine Rolle spielen wird. Özgür und Zamir setzten sich auf die rechte Bankreihe.

Und was tat Murat?

Na, was wohl!

Er stellte sich genau in die Mitte des Wagens, griff nach zwei Halteschlaufen an der Decke – und begann Klimmzüge zu machen. Eins, und zwei, und drei, und vier… Marcel und die beiden Mädchen auf der einen, Zamir und Özgür auf der anderen Seite sahen dem Treiben zu. „Ein Überzeugungskanake durch und durch – wenn das mal gut geht“, dachte sich Arif.

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Von Vernunft und Herrschaftsverzicht

Stellt euch mal vor: Von einem Schlag auf den nächsten nehmen sich alle Menschen, die irgendwo Macht und Verantwortung haben, vor…

… sich jede Regung von Hass zu verbieten,

… auf alle noch so berechtigten Racheansprüche zu verzichten

… sofort auf Dialog auf allen Ebenen und mit allen Instanzen im eigenen Lager und in den anderen Lagern zu gehen

… auf die ihm gewährte Ausübung von willkürlicher Herrschaft über Ungefragte zu verzichten, sodass von den Geknechteten kein Widerstand mehr nötig ist

… nicht mehr nach der Identität des Gegenübers zu fragen, sondern ihn als Manifestation der selben Menschheit zu sehen, zu der er selbst auch gehört

… alle Güter, die ihm aus unverdienten Umständen heraus zufielen, gerecht unter den anderen zu verteilen und dabei keine Rechnungen auszustellen

… sich für die Lösung aller kleinen und großen Konflikte stark zu machen, selbst stets Teil von Lösungen und nie von neuen Problemen zu werden

… ein Rollenmodell für eine von Vernunft und Moral gesteuerte Persönlichkeit zu werden

… Kraft nur dort einzusetzen, wo jemand seine eigene Kraft gegen andere missbraucht

… den Krafteinsatz so rasch wie möglich wieder zu unterbinden

Was wäre das für eine Welt, wenn ein erheblicher Prozentsatz von Menschen in einer Gesellschaft quer durch alle Schichten sich vornehmen würde so zu denken und zu handeln?

Leider ist zu so viel ist die Fantasie vieler Gegenwärtiger nicht mehr ausreichend.

Irgendwas hindert sie davor aus Gedanken wie den obigen mal eine ernst zu nehmende Weltanschauung zu machen.

Eine dezentrale Ideologie, die keine politische Macht unter Kontrolle kriegen könnte, da sie der allen Menschen innewohnenden Vernunft entspringt.

Einer Vernunft, die in Kenntnis von all dem Übel ist, zu dem egoistische Unvernunft fähig ist.

Und darum sich der Selbstkritik stellt, statt erst die anderen zu kritisieren.

Stellt euch mal vor, die Vernünftigen aller weltanschaulichen Lager würden quer zu allen Fronten eine solche Entscheidung treffen und einen neuen Status Quo definieren.

Ist es denkbar, dass in so einer Welt weiterhin der Wahnsinn den Ton angibt?

Der Wahnsinn würde seine gesamte Existenzgrundlage verlieren – da sein Gegner neue Spielregeln definiert hat, die den Wahnsinn übertrumpfen, ihn überflüssig werden lassen.

Wieso ist Vernunft nicht in der Lage die selbe Kraft hervorzubringen wie der zerstörerische Wahnsinn?

Wieso organisiert sich Wahnsinn so rasch und wirksam, während Vernunft ständig einen Neustart benötigt, in der Unkoordiniertheit des Individualisten versiegt?

Wieso schämt sich Vernunft davor sich durch naive Utopien lächerlich zu machen, während Wahnsinn jedes Gefühl für Scham und Selbstkontrolle verloren hat und uns alle in die gelebte Distopie zu drängen versucht?

Wieso? Wieso? Wieso?

Zwölf Reflexionen am symbolischen Übergangspunkt der Welten in Istanbul

Nach getaner Arbeit in Istanbul bin ich gegen Abend ungeduldig mit Cem Karacas Song „Ich bin ein Nussbaum im Gülhane-Park“ in den Ohren in den Gülhane-Park gelaufen um gänzlich in der Atmosphäre Istanbuls aufzugehen und um meinen Gedanken, die mich seit Tagen begleiten, freien Lauf zu lassen. Herausgekommen sind Sammlungen von Eindrücken und Reflexionen über Fragen, die mich sehr bewegen. Fragen, deren Antworten irgendwo in meinen fragmentarischen Eindrücken von Istanbul verborgen zu liegen scheinen. Antworten, die ich entschlüsseln muss, in der Hoffnung, dass es praktikable Antworten darauf gibt. Das ist mein skizzenhaftes Ergebnis, mein vorläufiges Bosporus-Manifest auf dem Weg vom konkreten Ereignis zur grundsätzlichen Idee:

1. Fasten als kollektives Erlebnis

… fastende Menschen aller Couleur, die sich brüderlich auf dem Sultan-Ahmet Platz versammeln, es sich auf dem Boden gemütlich machen und auf das Fastenbrechen warten, und dabei so wirken, als sei der ganze Platz ein Teil ihrer Wohnung und alle Menschen um sie herum ein Teil ihrer Familie; diese unkomplizierte Haltung imponiert mir: die ganze Welt als eine gemeinsame Wohnung; dann der Sonnenuntergang, die traditionelle Kanonenkugel wird abgefeuert, der Fastentag ist beendet; die Stadt erlebt ihren zweiten Morgen…

2. Mottovorschlag

… „Wenn diese verdammte Welt ihre Tatsachen hat, so haben wir unsere Ideale.“ (D. Cündioğlu) Weiterlesen

Risikoabwägung: Verdummung oder Verunsicherung?

Seltsame Welt… Da bietet sich uns nur eine sehr beschränkte Zahl an Informationen und wir schaffen uns damit oft ein abschließendes Bild von der Welt oder erfinden somit zugleich jene Welten, in denen wir gar zu leben meinen. Dabei sind gefühlt mindestens fünfzig Millionen unterschiedliche Welten denkbar, die alle kompatibel mit den paar Informationen sind, die wir haben.

Hieraus ergeben sich zwei Möglichkeiten:

(1) Rückzug auf den inneren Status Quo – Ich setze mein Weltbild als Dogma und verschließe die Augen vor allen Dingen, die mein Weltbild in Frage stellen könnten. Ich traue allem, was ich weiß bzw. zu wissen behaupte, halte mich vor neuem Wissen fern und meide die Kontroverse. Dafür habe ich ein klares Weltbild, kann alles erklären, habe auf jede Frage eine endgültige und definitive Antwort. Es gibt nichts, zu dem ich nicht sofort eine eindeutige Meinung habe. Die Folge dieses Denkens: Gemütlichkeit, aber unter stetem Verdummungsverdacht.

(2) Kritisches Bewusstsein gegenüber dem inneren Status Quo – Ich suche gezielt nach Wissen, Kontakten und Erfahrungen, von denen ich bislang überzeugt bin, dass ich sie gar nicht benötige, oder dass sie keine Beschäftigung wert sind – denn vielleicht verbirgt sich gerade dort der Schlüssel zu einem weiteren Blick auf die Welt.  Denn der Verdacht liegt nahe, dass geschlossene Weltbilder zugleich genau mit solchen Denkverboten einhergehen, die bezwecken eben jenes Weltbild zu immunisieren. Aber warum sollte ich vor Wahrheit Angst haben? Mögliche Nebenwirkungen dieser Strategie: anfängliche Verunsicherung, permanente Rastlosigkeit, Zurückhaltung vor Absolutheitsansprüchen. Aber bitte: Ist das nicht um einiges besser als ein ständig wachsendes Verdummungsrisiko?

Der Geist des Gastarbeiters

Eben habe ich Cem Karacas “Es kamen Menschen an” aus den frühen Achtzigern als Hintergrundmusik zu einer Dokumentation zu den ersten türkischen Gastarbeitern angehört. Das ist jedes Mal bewegend – Einblicke in die Geschichte unserer Väter, die uns nur noch vom Hörensagen bekannt ist, die aber fast alles, was wir heute sind, als was wir gesehen werden, was wir können und wobei wir wie vorprogrammiert versagen entscheidend geprägt hat.

These: Solange wir DAS nicht richtig aufgearbeitet, eingeordnet und unseren Frieden damit gemacht haben, werden wir GAR NICHTS richtig aufarbeiten.

Weil wir nämlich dabei versagen den Code zu lesen und zu verstehen, der uns schon in frühester Kindheit in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Weil wir nicht verstehen, dass unser Leben Fleisch gewordene Geschichte ist, dass wir eine Rolle spielen, ohne zu wissen, zu welchem Theaterstück diese eigentlich gehört und wer der Autor war. Weiterlesen