Ich werde mich nicht daran gewöhnen (SWRaktuell)

Mein heutiger Kommentar in „Islam in Deutschland“ auf SWRaktuell:
 
Ich werde mich nicht daran gewöhnenIch werde mich nicht daran gewöhnen – an die blauen Wahlplakate, die Wochen lang vor meiner Wohnung prangten. Die zugehörigen Pamphlete lagen auch in meinem Briefkasten. Eine Broschüre trug den Titel „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Gemeint ist damit freilich: „Muslime gehören nicht zu Deutschland.“ Darin findet man Bilder von betenden Muslimen und Moscheen neben Bildern von Messer zückenden Terroristen.
 
Ich werde mich nicht daran gewöhnen – an den Hinweis aus der blauen Broschüre in meinem Briefkasten, dass „religiös motivierter Terror in Deutschland bisher immer muslimisch gewesen“ sei. Hier werden offensichtlich Attentate radikaler Islamisten in Deutschland zu „muslimischem Terror“ verallgemeinert. Diese Wortwahl scheint mir jedoch nicht legitim. Genauso wenig, wie es mir legitim scheint Terror „christlich“ zu nennen, wenn Terroristen christlich-religiös argumentieren, wie es etwa die ugandische Lord’s Resistance Army tut.
 
Eine Rede von muslimischem Terror beabsichtigt letztlich Angst auch vor allen anderen bekennenden Muslimen zu schüren. Dabei haben diese den Terror im Namen des Islam schon vielfach geschlossen verurteilt. Denn die absolute Mehrheit der Muslime vertritt ein Islamverständnis, in dem Gewalt gegen friedliche Zivilisten kategorisch abgelehnt wird.
 
Ich werde mich nicht daran gewöhnen – an die einseitige Fokussierung auf religiös motivierten Terror in Deutschland, bei gleichzeitiger Ausblendung der sprunghaft angewachsenen Gewalt Rechtsradikaler. Man denke da an den NSU-Terror und an die über 3000 Anschläge auf Flüchtlinge und deren Heime im vergangenen Jahr mit über 500 Verletzten, wie das Bundeskriminalamt zählt. Das wird man in den blauen Broschüren jedoch nicht zu lesen bekommen.
 
Ich werde mich nicht daran gewöhnen – an Parteispitzen, die eine in Deutschland geborene deutsch-türkische Staatsministerin nicht nur sachlich kritisieren. Sondern hinzufügen, dass man sie in Anatolien entsorgen könne, und dass sie in der Bundesrepublik nichts verloren
habe. Wer so redet, der missachtet viel – unter anderem, dass unser Grundgesetz eine Diskriminierung aufgrund von Abstammung kategorisch ausgeschlossen hat.
 
Die mit der Flüchtlingskrise einhergehenden Probleme sind bekannt. Auf der Suche nach verfassungskonformen Perspektiven müssen sie auch weiterhin kontrovers diskutierbar bleiben. Rechtspopulisten werden jedoch nichts zu ihrer Lösung beitragen.
 
Als deutsch-türkischer Muslim bin ich stolz auf die gewaltigen humanitären Leistungen des deutschen Staates und der deutschen Zivilgesellschaft in der Flüchtlingskrise. Dabei wurden hier Ehrenamt und Humanität in einem Ausmaß sichtbar, das Geschichte geschrieben hat.
 
Für mich ist schließlich noch entscheidend, dass wir Muslime es uns von niemandem ausreden lassen, dass wir in einem wundervollen Land leben, das im Ernstfall seine Minderheiten schützt.
 
(Quelle: Islam in Deutschland auf SWRinfo, 6. Oktober 2017)

Mein Racheplan gegen den IS

Zum Teufel mit dem IS, ihren Ideologen und ihren Priestern der Finsternis.

Hier folgt mein ab sofort in Kraft getretener Rachplan gegen den IS und die von ihm verführten Jungschergen der Terrors:

* mich weiterhin stolz als gläubigen und praktizierenden Muslim bezeichnen

* mich weiterhin stolz an Anhänger des Propheten Muhammad, und als Gläubiger des Korans bezeichnen

* noch mehr Zeit für Gottesdienste

* noch mehr Zeit für Spiritualität und Mystik

* noch mehr Zeit für Physik, Mathematik, Philosophie

* noch mehr Zeit für intensive Koranstudien

* noch mehr innerislamischer Dialog

* noch mehr Dialog zwischen Sunniten, Schiiten, Aleviten

* noch mehr Einsatz für einen liberal-konservativen Schulterschluss im Islam

* noch mehr Dialog mit Juden

* noch mehr Dialog mit Christen

* noch mehr Dialog mit Atheisten

* noch mehr Zeit zum Musizieren nehmen

* noch mehr Zeit für Moscheebesuche

* für noch mehr Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Anderslebenden werben

* theologisch fundierte Diskussionen, Zurückweisungen und Widerlegungen der Thesen des radikalen Islamismus, Salafismus und Dschihadismus

* noch mehr Zeit mit Nichtmuslimen verbringen

* seinen Job noch besser machen als bisher

* sich noch deutlicher als Muslim „outen“, Gesprächsangebote machen

* die radikale Islamisten und radikale Salafisten noch deutlicher als Anhänger einer krankhaften Ideologie enttarnen

* sich noch tiefer in den Koran hineinarbeiten, ihn komplett der Fremdverfügung durch krankhafte Ideologien entziehen

* noch mehr Zeit für muslimische Jugendliche nehmen

* von europäischen Städten und der liberalen Kultur hier schwärmen

* Kant lesen, Planck lesen, Einstein lesen

* Ghazali lesen, Biruni lesen, Said Nursi lesen

* für den Weltfrieden beten

* von Aufklärung, Wissenschaft und Bildung schwärmen

* vielleicht gerade jetzt den naiven und total unzeitgemäßen Satz „Islam ist Frieden!“ hochhalten – und zwar gegenüber dem IS und Konsorten

* stolz auf den verstorbenen Physiker Abdus Salam sein, ihn als Muslim ehren, zugleich die ganzen wissenschaftsfeindlichen Islamvorheuchler, aus deren Kreisen die Terrorvordenker und -praktiker stammen, zu kranken Vollidioten erklären

* Abdus Salam lesen, seine physikalischen Artikel runterladen und im Geiste von Gottesdienst studieren

* Quantenfeldthorie betreiben, ganz im Geiste islamischen Gottesdienstes

* stolzer Muslim sein

* stolzer Europäer sein

* stolzer Türke sein

* stolzer Deutscher sein

* stolzer Gegner von Nationalismus und Fundamentalismus sein

* glücklich und gelassen sein

* sich kein schlechtes Gewissen für die Taten gestöterter anderer einreden lassen

* vergeben und vergessen, bis auf die Fratzen des IS

* Berufsfundamentalisten, die ihr Geld mit dem Verhindern von Diskursen und Fortschritt im islamischen Denken verdienen, als Dummköpfe, Hofnarren und Vollidioten brandmarken

* von Menschrenrechten, Demokratie und Islam schwärmen

* stolz verkünden, dass ich Europäer bin, und dass es hier Muslimen wesentlich besser geht als unter dem IS

* mehr Zeit für Familie, Freunde, Nächste

* mehr Familienspaziergänge im Herzen Stuttgarts

* mehr Zeit für meine Liebste, für Romantik, für Gedichte

* mehr Lesen, Schreiben, Musizieren

* wieder auf ein gutes Konzert gehen, bevorzugt auf ein Heavy-Metal-Konzert

* Iron Maiden auflegen, Boxen an und voll aufdrehen

* Allah für all das danken, von ganzem Herzen…

Dürfen sich Muslime Juden und Christen zu Freunden nehmen?

In meiner Grundschulzeit waren alle Nationalitäten in meinem Freundeskreis vertreten: Deutsche, Italiener, Spanier, Portugiesen – allesamt Klassenkameraden, mit denen wir vormittags auf dem Pausenhof herumrannten und nachmittags entweder am C64 saßen und Giana Sisters spielten oder draußen die Gegend unsicher machten. Türken waren nahezu keine vorhanden. Mein bester Freund war ein Italiener. Er stand mir mit Fäusten bei, als mich zwei deutsche Klassenkameraden fast täglich auf dem Schulweg verprügelten – ich hatte ihren Zorn auf mich gezogen, als ich ihnen unüberlegt erzählt hatte, dass Türken viel mutiger seien als Deutsche. Einer von ihnen hat mich zwanzig Jahre später zu seiner Hochzeit eingeladen. Gelegentlich war ich bei dem Italiener daheim zu Gast beim Abendessen. Oft schlenderten wir vor Sonnenuntergang über die Felder und unterhielten uns über die Heimatstädte unserer Eltern oder über unsere Traumberufe. Er wollte damals Architekt werden und ich Arzt.

Meine Eltern schätzten meinen guten Kontakt zu meinen Klassenkameraden und ich hätte nicht gedacht, dass ich damit jemandes Missfallen erregen könnte – bis ich eines Tages von einem älteren Türken, der sich mit dem in den 90ern aufsteigenden politischen Islam in der Türkei identifizierte, etwas zu hören bekam, was mir das Blut in den Adern gefrieren ließ:

„Du kannst mit diesen Leuten nicht befreundet sein – denn im Koran steht: Nehmt euch nicht die Juden und Christen zu Freunden. Sie sind einander Freunde.“

Ich antwortete, dies könne doch nicht stimmen – bislang hatte ich vom Islam nur Dinge gehört, die ich schön fand, und meine Religion war mir sehr wichtig. Doch meine Freunde waren es mir auch. Und jeder Versuch mich innerlich von ihnen zu distanzieren brach mir das Herz. Ich erledigte das Thema für mich mit der resignierenden Feststellung, dass meine Freunde zwar Christen sind, dass ich mich mit ihnen aber viel besser verstehe als mit den wenigen türkischen Kindern, die ich damals kannte. Gott würde dafür Verständnis haben, dessen war ich mir sicher. Auch war ich mir sicher, dass irgendwas mit dem mir dargelegten Koranvers nicht so war, wie es mir der sendungsbewusste Bekannte vermittelt hatte. Leider war ich damals noch weit davon entfernt der Sache gründlicher auf den Grund gehen zu können.

(Hier geht es weiter)

Evolution und Schöpfung – Tagung in Münster

Ich hatte kürzlich die Freude zusammen mit Dr. Michael Blume, Prof. Ulrich Lüke, Prof. Achtner, Prof. Dittmar Graf, Dr. Heinz-Hermann Peitz und Alexander Schmidt in Münster aktiv an einer Tagung zum Thema Naturwissenschaft und Religion (Schwerpunkt: Evolution) mitzuwirken. Nachdem ich in Lichtgeschwindigkeit aufgrund von diversen Krankheitsausfällen auf muslimischer Seite vom bloßen Teilnehmer zum muslimischen Hauptreferenten aufstieg, stellte ich unterwegs noch einen Vortrag zusammen, in dem es um muslimische Haltungen zur Evolutionstheorie, zum Thema „Naturwissenschaften im BW-IRU-Bildungsplan“ (s. Video, ab ca. 6:20), Occasionalismus (leider nur sehr knapp), Ghazalis Offenheit gegenüber naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, die Möglichkeit der metaphorischen Auslegung (ta’wil) der als „mutashabih“ geltenden Schöpfungspassagen des Korans (schon bei Ghazali), Mustafa Öztürks evolutionsneutraler Koranexegese, klassischen und modernistischen Positionen, zu den heutigen Vermittlungsschwierigkeiten zwischen islamischem Glauben und Naturwissenschaft und zu allgemein dem Glauben gegenüber offenen Perspektiven auf Seiten der theoretischen Physik ging.

Ich habe viel Interessantes über die innerchristlichen Debatten zu diesen Themen, aber auch zum Selbstverständnis naturalistischer Richtungen erfahren. Wir haben leidenschaftlich diskutiert über die Frage der intellektuellen Redlichkeit von Zweifeln an der Evolutionstheorie, über evolutionäre Schöpfungsmodelle (die in der (zumindest mitteleuropäischen) christlichen Theologie schon fast als Mainstream gelten können), über das christliche Trauma mit der Naturwissenschaft und über muslimisches Desinteresse am aktuellen Stand der naturwissenschaftlichen Forschung.

Bei Gelegenheit schreibe ich mal über all das.

In jedem Fall denke ich, dass diese Themen sicher viel mehr Muslime interessieren, und dass sowohl innerislamisch, als auch interdisziplinär hierzu viel mehr debattiert werden sollte.

Wenn ich noch konkreter werde, würde ich sogar sagen, dass die Frage nach dem Verhältnis zwischen Naturwissenschaft und Religion eine viel substanziellere und philosophisch weitreichendere Frage ist als die vielen anderen politisch gerahmten Streitthemen heute.

Ja, hier geht es wirklich um etwas Grundsätzliches, was nicht postfaktisch heruntergehandelt werden kann.

Hier geht es um Wahrheitsfragen, die alle Bereiche tangieren – darum bitte etwas mehr Ernst und Interesse für dieses Thema!

Und bitte mehr islamische Theologen, die sich für Naturwissenschaft interessieren!

(Zum Vergleich: Der christliche Theologe und Experte auf diesem Gebiet Philip Clayton meinte mal auf einer anderen Tagung, dass jemand, der vernünftig im Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaft tätig sein möchte, in zwei naturwissenschaftlichen Traditionen, in zwei theologischen Traditionen und in der vergleichen Philosophie grundlegend bewandert sein solle. Ich meine, dass dies für den Ernst des Themas eine plausible Forderung ist.)

Für mich persönlich als gläubigen Muslim und theoretischen Physiker geht es hier um eines der für mich wertvollsten Beschäftigungen überhaupt, nämlich um das Nachdenken über Allah als schöpferischer Instanz, die in den Regelmäßigkeiten der Natur an jedem Ort und zu jeder Zeit manifest ist.

Natürlich habe ich auch die Gelegenheit nicht ungenutzt gelassen Herrn Graf, der eine Studie zu Lehrermeinungen zur Evolutionstheorie durchgeführt hatte, meine Kritik an Michael Schmidt-Salomons akademischem Inquisitionsaufruf gegen muslimische Lehrkräfte, die nicht an die Evolutionstheorie glauben, entgegenzutragen, da die Herren Graf und Schmidt-Salomon immer wieder kooperieren.

Herr Graf machte mir glaubhaft, dass er selbst unglücklich darüber ist, dass sein Name mit den Äußerungen von Schmidt-Salomon in Verbindung gebracht wird, was ich ihm glaube.

Nicht, dass ich es als gläubiger Naturwissenschaftler für einen klugen Standpunkt hielte die Evolutionstheorie pauschal abzulehnen. Ich finde vielmehr: Das mindeste, was höhere islamische Bildung hierzu leisten sollte, ist es ein oder zwei islamisch reflektierte Modelle evolutionärer Schöpfung zu kennen und weiterzuentwickeln.

Nur halte ich es für einen ebenso unklugen Standpunkt Leuten, die aus welchen Gründen auch immer nicht an eine Evolution des Lebens und vor allem des Menschen bzw. zum Menschen glauben, ihre Vernunft oder Tauglichkeit als Lehrer abzusprechen, wie es Schmidt-Salomon kürzlich auf unschöne Art tat.

Dialog hin oder her (ich unterstütze den Dialog vollauf): Jedem muss es freigestellt bleiben, ob er ein vollständig evolutionäres Schöpfungsmodell vertreten möchte, oder ob er vom Regelablauf abweichende Momente des Schöpfungsgeschehens annimmt, wie es viele Muslime (aber auch Christen weltweit) tun, ohne dadurch zu schlechteren Menschen zu werden. Beides lässt sich meines Erachtens islamisch legitimieren.

Naturwissenschaftlich nahe liegender und mit einem „aufgeräumten“ Schöpfungsmodell kompatibler sind vermutlich die evolutionären Modelle.

Ungünstig erscheint mir jedenfalls das auch heute noch verbreitete Modell des „Lückenbüßergottes“, der immer dann hervorgezogen wird, wenn aktuell ein Phänomen nicht naturgesetzlich erklärt werden kann. Die historische Erfahrung zeigt, dass eine solches Gottesbild sehr schnell schon den Rückzug gegen die Naturwissenschaft antritt. So ist es über viele Jahrhunderte geschehen – weil Schöpfung oft interventionistisch, statt kontinuierlich und „eutaxiologisch“ ( = schöngesetzlich) gedacht wurde.

Viel schöner erscheint mir die Vorstellung eines erstaunlich lebensfreundlich geschaffenen Kosmos (oder gar eines solchen Multiversums), in dem Gott in jedem Moment über mathematisch ausgezeichnete Gesetzmäßigkeiten die Schöpfung fortstrickt und dabei sowohl die ganze Vielfalt der Dinge hervorbringt, als auch dabei in jedem Moment die mathematische Eleganz der fundamentalen Wechelwirkungen gelten lässt, da es die Manifestionen seiner Namen selbst sind, die hier Struktur und Ordnung hervorbringen.

Er könnte natürlich auch von seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten abweichen. Nichts würde ihn daran hindern.

Es ist aber nicht undenkbar, dass diese auch in so besonderen Kontexten wie der Erschaffung des Menschen, der Erde, des Sonnensystems etc. berücksichtigt bleiben.

Ich verweise an dieser Stelle auch gerne auf meinen Auslegungsvorschlag (Achtung, es ist wirklich nur ein Vorschlag) der 6-Tage-Schöpfung, der ebenfalls von einer Kongruenz göttlichen Schöpfungshandelns (dem Koran folgend) und phänomenologischer Naturgesetzlichkeit ausgeht ( http://blog.andalusian.de/6-tage-schoepfung-2/ ). Wenn das Sonnensystem ohne Bruch mit der Naturgesetzlichkeit geschaffen werden kann, dann könnte dies auch bei der Erschaffung der Menschheit der Fall sein.

Sehr gerne erinnere ich hier auch an die Metapher der Kalam-Theologen für Naturgesetze: „Gewohnheiten Allahs“. Wenn jeder Punkt im Raum in jedem Moment von Gott neu geschaffen (bzw. aktualisiert) wird, dann ist alles Schöpfung, in jedem Moment. Wichtig ist dann nur noch, DASS der Mensch existiert und von Gott im Sein gehalten wird, und nicht das genaue Vorgehen, wie Gott den Menschen in Abgrenzung von den affenähnlichen Australopithecinen erstmals hervorgebracht hat.

Zu all diesen Fragen (weniger zur Evolution, mehr zur theoretischen Physik) habe ich aktuell einige Texte in Arbeit.

Aber wie gesagt, die Naturwissenschaft ist kein Dogma, sondern ein rationales Angebot, dem auch rational widersprochen werden darf. Nur dadurch behält sie ihre große natürliche Autorität und Anziehungskraft.

Die Würde der Naturwissenschaft braucht keine Inquisition und auch keinen Zensor – insbesondere auch nicht in Form sendungsbewusster Naturalisten.

Kommunikation mit muslimischen Schülern (SWRinfo)

Ich bin seit einigen Jahren in der Lehrerausbildung tätig. Hierbei werde ich immer wieder mit Fragen zum Verhalten von muslimischen Schülern konfrontiert. Viele Situationen, die mir geschildert werden, ähneln sich dabei und weisen verwandte Schwierigkeiten auf. Ein Beispiel, an dem man gut Grundsätzliches erklären kann, war die Frage, warum manche muslimische Schüler in Deutschland die Schweigeminute für die Opfer der IS-Anschläge in Paris vom November 2015 boykottierten. Einige Lehrerkollegen befürchteten sogar schon extremistische Weltanschauungen bei ihren Schülern.

Auch wenn dies in wenigen Einzelfällen vielleicht hätte zutreffen können: In den meisten Fällen ging es hierbei um etwas Anderes, nämlich um eine Verunsicherung der Schüler hinsichtlich ihrer muslimischen Identität. Denn über das wichtige Zeichen der Solidarität mit den Opfern hinaus stellten sie sich die Frage, wer in dieser sensiblen Situation, die auf das Konto muslimischer Terroristen geht, indirekt mit verurteilt wird. Dies sollte vorweg ausgesprochen werden, um die muslimischen Jugendlichen im Klassenzimmer ausdrücklich davon auszunehmen.

Leider erfahren viele junge Muslime schon früh, dass Viele in Deutschland nicht nur die Extremisten im Islam als Problem sehen, sondern die Muslime oder den Islam generell. Und dies belastet die Identifikation muslimischer Jugendlicher mit Deutschland. Viel zu selten bekommen sie die Zuversicht zugesprochen, dass es sehr wohl eine legitime islamische Identität auch innerhalb der deutschen Gesellschaft geben kann, und dass sie Kulturen kombinieren und ihre eigenen Synthesen schaffen dürfen. Aber genau diese Zuversicht sollte ihnen die Schule geben.

Doch was könnte man dazu in einer Situation wie nach Paris oder kürzlich nach Berlin konkret anders machen? Vor dem gemeinsamen Gedenken der Opfer von Paris hätte man etwa erwähnen können, dass dieselbe Terrorsekte, die in Paris gemordet hat, noch am Vortrag in Beirut und einen Monat davor in Ankara ähnlich brutale Anschläge verübte, und zwar beide Mal auf Muslime. Damit wird verdeutlicht, dass sich die Solidarität der Idee nach ebenso auf muslimische Kontexte bezieht, auch wenn offiziell leider nur an Paris gedacht war. Die Lehrkraft kann so auch verhindern, dass sich Muslime in der Klasse indirekt mit beschuldigt fühlen. Die Botschaft lautet dann: „Heute müssen wir alle, Deutsche, Araber, Türken, Christen, Muslime, Säkulare uns zusammenschließen gegen den Terror der Irrsinnigen gegen uns alle, gleichgültig ob die Terroristen heute IS, NSU oder sonst wie heißen!“

Nicht Tabuisieren, sondern Kontextualisieren lautet also die Devise. Nicht Verschweigen, sondern pädagogisch inkludierend Kommunizieren. Auch der ausdrückliche Hinweis durch die Lehrkraft, dass muslimische Stimmen aller Couleur sich in aller Deutlichkeit gegen den Terror im Namen des Islam ausgesprochen haben und aussprechen, kann in der aktuellen Stimmung für alle nur heilsam sein.

(Mein Beitrag vom 13. Januar 2017 für „Islam in Deutschland“ auf SWRinfo)

Was tun mit dem Koranvers 9:5 und anderen koranischen Tötungsaufforderungen?

Im Deutschlandfunk ist ein lesenswertes Interview mit dem Islamwissenschaftler und Juristen Mathias Rohe erschienen (hier), in dem eine „Islambilanz“ 2016 gezogen wird. Darin wird Rohe folgende Frage gestellt:

„Bei uns geht viel Post zum Thema Islam ein und meistens negative. Ich habe einige Hörer, die uns – dem Deutschlandfunk – eine zu islamfreundliche Berichterstattung vorbeworfen haben, darum gebeten, mir Fragen zu schicken, die ich Ihnen dann stelle. Ein Hörer bezieht sich auf Sure 9 Vers 5, darin heißt es: „Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, und ergreift sie und belagert sie und lauert ihnen aus jedem Hinterhalt auf.“ Jetzt fragt dieser Hörer: Woher nehmen Islamwissenschaftler die Vollmacht, die aktuelle Gültigkeit dieser und anderer zum Töten auffordernder Suren für obsolet zu erklären und woher nehmen Sie die Überzeugung, dass diese Beurteilung als allgemein verbindlich im Islam auch umgesetzt wird – einschließlich des Handeln der Akteure? Darin steckt wohl der Vorwurf, dass Sie da was schön reden.“

Rohe verweist in seiner Antwort zum einen darauf, dass es wichtig ist zu schauen, wie die „allermeisten Muslime“ heute diesen Vers verstehen. Mein Tipp: Wer es genau wissen will, kann sich in der nach wie vor maßgeblichen Linksammlung von Serdar Güneş darüber informieren, wie sich das erdrückende Gros der Muslime gegen die pseudo-theologischen Verrenkungen des internationalen Terrorismus positioniert hat. Zum anderen erklärt Rohe, dass die meisten Muslime heute Verse wie 9:5 in einen gut rekonstruierbaren historischen Kontext stellen und somit nicht universalisiert lesen.

Ich finde Rohes Antworten wichtig, und möchte sie gerne ergänzen um ein einfaches, aber aus meiner Sicht mindestens so wichtiges Argument, nämlich das des textuellen Zusammenhangs, der deutlich macht, dass 9:5 nie eine universelle Norm intendierte, sondern von einem defensiven Kontext ausgeht, also dem selben wie praktisch alle Kriegspassagen im Koran. Darum gibt es hier keinen Freibrief zum Töten zu holen, ebensowenig einen Nachweis für eine kategorische Gewaltbereitschaft des Islam. Und dies gilt trotz der Tatsache, dass Sure 9 die am spätesten verkündeten und zugleich wohl auch deutlichsten Kriegspassagen des Korans enthält.

Eine solche in sich kontextualisierende Lesart des Korans ist kein Notbehelf von Muslimen der Gegenwart, sondern hat einen festen Platz auch in der klassischen Koranhermeneutik. Für meine unten vorgetragenen Argumente braucht man also nicht einmal einen wirklich neuen hermeneutischen Zugang zum Koran. Man muss einfach nur einige Konzepte der exegetischen Tradition konsequent anwenden, was hinsichtlich unseres Themas leider nicht allen Korankommentatoren gelang. Klassische Stichworte lauten hier beispielsweise „Auslegung des Korans durch den Koran“ und „Spezifizierung universeller Wortlaute durch einschränkende andere Passagen“ (zu den technischen Details vielleicht später mehr).

Konkret auf Sure 9 angewandt:

  1. Gleich im Folgevers 9:6 heißt es: „Und wenn einer der Götzendiener bei dir Schutz sucht, dann gewähre ihm Schutz, bis er Gottes Worte (also die Botschaft des Koran) vernehmen kann; hierauf lasse ihn den Ort seiner Sicherheit erreichen. Dies (soll so sein), weil sie ein unwissendes Volk sind.“ Einem absoluten Tötungsgebot würde sicher nicht ein solcher Vers folgen, der jedem Götzendiener ein Asyl mit Rückkehrgarantie zusichert. Also ist 9:5 nicht absolut gemeint.
  2. In 9:10 heißt es von den Gegners aus 9:5: „Sie beachten gegenüber einem Gläubigen weder Verwandtschaftsbande noch (Schutz)vertrag.“ Offensichtlich geht die gesamte Passage also davon aus, dass eine (historische) Gegenseite einen Friedensvertrag mit den Muslimen brach.
  3. Dies wird in 9:13 noch deutlicher, da dort die gemeinten Gegner konkretisiert werden als jene, „die ihre Eide gebrochen haben und vor hatten, den Gesandten zu vertreiben, wobei sie zuerst gegen euch (mit Feindseligkeiten) anfingen.“ (9:13). Kriegsgrund ist demnach also weder der Götzendienst des Gegners, noch religiös aufgeladene Kriegslust, sondern ein klar artikulierter Kriegsbeginn durch den Gegner.
  4. In 9:36 heißt es unser Defensivszenario nochmals bestätigend: „Und bekämpft die Götzendiener allesamt, wie sie euch allesamt bekämpfen.“ Sure 9 geht also von einem Situationskontext aus, in dem eine Gruppe von Götzendienern als Gesamtheit gegen die Muslime zu Felde zieht, also als ein koordinierter Bund, auf den der Prophet und seine Gemeinde wiederum im Bund reagieren sollen. Die exegetische Literatur hält in der Tat Berichte über ein solches Ereignis im 9. Jahr nach der Hedschra parat, in dem von einem gleichzeitigen Friedensvertragsbruch einiger heidnischer Stämme auf der arabischen Halbinsel berichtet wird, während Medina ungeschützt war.

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Menschenrechte und Scharia

Liebe Leserinnen und Leser meines Blogs,

auf meinem Blog tut sich aktuell einiges – ich bin dabei eine Reihe umfangreicherer Textprojekte zum Themenbereich „Der Islam in der Moderne“ als statische Seiten einzurichten, die theoretisch fundiert und leicht zu finden sein sollen. Ich will hier möglichst viel von dem abarbeiten, was mich selbst sein nunmehr über 20 Jahren umhertreibt. Gleichzeitig soll dies auch den Zwischenstand meiner eigenen Reflexionen wiedergeben. Im Idealfall sollen diese Text eines Tages miteinander vernetzt werden und so etwas wie einen größeren Zusammenhang sichtbar machen. Als Schmankerl will ich auf meinem Koran-Blog (Was? Ihr kennt noch nicht meinen Koranblog? Hier lang bitte.) die relevantesten, interessantesten und umstrittensten Koranverse zu diesen und anderen Themen ebenfalls möglichst systematisch darstellen.

Mein Wunschtraum ist es so zu einer „Theorie eines zeitgenössischen Islamzugangs“ an der Schnittstelle zwischen Theologie, Philosophie und weiteren säkularen Wissenschaften beizutragen.

Aktuell sind meine umfangreicheren Projekte über die obere Menüleiste abrufbar. Sobald ich zudem noch alle relevanten Texte meines alten Blogs hierher übertragen habe, dann gibt es nur noch einen einzigen andalusian-Blog, und nicht mehr zwei (neu und alt) wie jetzt.

Hier möchte ich nun auf eine Grundlagenstudie von mir zur Frage der Vereinbarkeit von Menschenrechten und Scharia hinweisen. Ihr findet den Text oben unter „Vom Islamischen“ als „Die Menschenrechte und die Scharia“ bzw. direkt verlinkt auch hier.

Diese Studie ist insgesamt von eher deskriptiver und formaler Art – für eine konkrete Positionsbestimmung zum Verhältnis von Islam und deutschem Grundgesetz siehe hier.

Für Feedbacks und Anregungen – zu diesem Text, aber auch für künftige – bin ich sehr dankbar. Auch würde ich davon profitieren, wenn ihr mich auf Navigationsschwierigkeiten und andere Probleme auf dieser Seite aufmerksam macht.

Dies ist übrigens der Inhalt des Textes zu den Menschenrechten und der Scharia:

       Einleitung

2           Die Menschenrechte
2.1            Zwei Varianten der Geschichte der Menschenrechte
2.1.1             Die klassische Version der Geschichte der Menschenrechte
2.1.2             Die revidierte Version der Geschichte der Menschenrechte
2.1.3             Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10.12.1948
2.2            Geltungsanspruch und Generationen von Menschenrechten
2.3            Begründungsproblematik der Menschenrechte
2.4            Lösungsvorschlag zu Begründungsproblematik

3           Die Schari
a
3.1            Bereiche der Scharia
3.2            Die Wissenschaft von der juristischen Scharia
3.3            Mögliche Konfliktbereiche zwischen den Menschenrechten und der Scharia

4           Strategien zum Umgang mit Konfliktbereichen zwischen den Menschenrechten und der Scharia.
4.1            Pragmatische Lösungsansätze
4.1.1                 Gleichgültigkeit, Dualismus und partielle Praxis
4.1.2                 Scharia auf „ideale islamische Gesellschaft“ vertagen
4.1.3                 Pragmatisch-selektive Scharia
4.2            Totale Lösungen
4.2.1                 Vollständiger Schariaverzicht
4.2.2                 Scharia statt westlicher Menschenrechte
4.3            Systematisch priorisierende Lösungen
4.3.1                 Islamisch glauben, westlich Recht sprechen: die türkische Lösung
4.3.2                 Menschenrechte unter Schariavorbehalt: die Kairoer Menschenrechtserklärung
4.4            Gesellschaftliche Rahmenmodelle als immanente Regulative
4.4.1                 Minderheitenstatus als rechtliches Regulativ
4.4.2                 Orientierung am Vertrag von Medina
4.5            Kompatibilistische Modelle – Neuauslegungen der Scharia
4.5.1                 Hinterfragung der Authentizität bzw. Universalität von Überlieferungen
4.5.2                 Philologisch-modernistische Neuauslegungen
4.5.3                 Historisierende und kontextualisierende Ansätze

5           Ausblick

Anhang A: Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
Anhang B: Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam
Anhang C: Die islamische Charta des ZDM
Anhang D: Die Urkunde von Medina (türkisch)

Literatur
Internetquellen

Wie man hieran sehen kann, sind die Unterkapitel alle nunmehr im Inhaltsverzeichnis der umfangreicheren Texte von mir verlinkt – das macht die Text zwar nicht kürzer, aber hoffentlich leserfreundlicher.

In diesem Sinne…

Wie interpretieren Muslime den Koran? (SWRinfo)

Lesen gläubige Muslime den Koran? Ja, was sollten sie denn sonst lesen! Und buchstabengetreu befolgen wollen sie ihn! Denn schließlich ist er für die Muslime das unverfälschte Wort Gottes – so oder so ähnlich klingt eine ganze Reihe an Mutmaßungen über den muslimischen Umgang mit dem Koran.

Da muss es als Skandal anmuten, dass weder die Koranlektüre, noch eine intensive Auslegungsarbeit zur religiösen Praxis der meisten Muslime gehört. Vielmehr folgt diese Praxis einer sozial vermittelten Weitergabe bewährter Inhalte in einem historisch gewachsenen religiösen Umfeld. Und selbst das Ziel der meisten Koranschulen besteht nicht etwa in einem Koranverstehen, sondern in der kunstvollen und wohltuenden Rezitation des arabischen Originals des Korans.

Das verbreitete Klischee vom verstehenden Koranleser erscheint mir wie die Projektion einer lutherisch geprägten Begeisterung für die direkte Bibellektüre in den muslimischen Kontext hinein. Für Außenstehende ist das manchmal attraktiv: So kann man jegliche Beobachtung bei Muslimen quasi auf Koranverse zurückführen und muss sich nicht mehr mit der individuell sehr verschiedenen Lebenswirklichkeit der Muslime befassen.

Wer so argumentiert, hat nicht nur ein sehr einfaches Bild von Koranauslegung, sondern denkt wohl auch am realen Muslim vorbei. Denn Textkenntnisse ersetzen nie den mühsamen Prozess des Verstehens eines lebendigen menschlichen Gegenübers.

Aber gut, ich gebe zu: So folgenlos ist Koranauslegung natürlich auch wieder nicht. Denn mit ihr kann man versuchen, Missstände ebenso zu legitimieren wie zu hinterfragen und so neue Perspektiven zu ermöglichen.

Da ist es erfrischend zu wissen, dass es muslimische Gelehrte nie als Widerspruch sahen, den Koran als Wort Gottes zu ehren, aber ihn zugleich einer vielfältigen Auslegung zu unterziehen. Für sie war die Situation klar: Es gibt bei jedem noch so eindeutig wirkenden Koranvers relativierende textliche Zusammenhänge, spezielle historische Hintergründe sowie erstaunliche Vieldeutigkeiten.

Dies und mehr führte über viele Jahrhunderte zu einer großen Zahl sehr umfangreicher und unterschiedlicher Werke zum Koran. In der Moderne kamen Zugänge hinzu, die das historisch-kulturelle Umfeld des Korans noch stärker betonen. Auch sie hinterfragen den Offenbarungscharakter des Korans in der Regel nicht, sondern versuchen ihn aus seinem historischen Kontext heraus zu verstehen.

Leider ging in der Moderne der Blick auf die Vielfalt und Originalität der islamischen Tradition von Textauslegung verloren. Dabei hat diese viele tief schürfende Gedanken hervorgebracht, die die Muslime der Gegenwart erst noch registrieren und aufarbeiten müssen um sie zu anspruchsvollen zeitgenössischen islamischen Theologien weiterentwickeln zu können.

(Mein aktueller Beitrag für „Islam in Deutschland“ auf SWRinfo – nachzuhören hier)

Antworten auf Einwände gegen die freiheitliche Auslegung von „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ (2:256)

Aus meinem Koran-Blog unter der Kategorie Glaubensfreiheit:

„Es gibt keinen Zwang in der Religion. (Der Weg der) Besonnenheit ist nunmehr klar unterschieden von (dem der) Verirrung. Wer also die Götzen (aṭ-Ṭāġūt) verleugnet, jedoch an Gott glaubt, der hält sich an der festesten Handhabe, bei der es kein Zerreißen gibt. Und Gott ist Allhörend und Allwissend.“ (Sure 2, Vers 256)

لَا إِكْرَاهَ فِي الدِّينِ

قَد تَّبَيَّنَ الرُّشْدُ مِنَ الْغَيِّ

فَمَن يَكْفُرْ بِالطَّاغُوتِ وَيُؤْمِن بِاللَّـهِ فَقَدِ اسْتَمْسَكَ بِالْعُرْوَةِ الْوُثْقَىٰ

 (256) لَا انفِصَامَ لَهَا وَاللَّـهُ سَمِيعٌ عَلِيمٌ

Kommentar

Dieser Vers beginnt mit dem berühmten Satz „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ (lā ikrāha fi-d-dīn), der ein klares koranisches Plädoyer für universelle Glaubensfreiheit darstellt. Die Ablehnung von Zwang (ikrāh) ist ein gemeinsames Thema der medinensischen und mekkanischen Phase der Offenbarung des Korans (siehe 10:99). Unter Zwang ist hierbei zunächst eine Nötigung wider Willen zu verstehen, sei es mit oder ohne physische Gewalt. Die Formulierung ist klar und zugleich sehr allgemein gehalten und verbietet auf der Ebene des Wortlautes sowohl einen Zwang zur Annahme des Islams, als auch generell auch die Verwendung von Zwang in religiösen Angelegenheiten, also auch innerhalb der Religion. Weiterlesen

Von Erdoğan, Satire und den Folgen für viele türkische Jugendliche

Man muss Erdoğan nicht mögen

um zu erkennen,

dass das aktuell ausufernde Erdoğan-Bashing jenseits der analytischen Kritik

verheerende Auswirkungen

auf das Bild vieler junger Türkischsstämmiger von Deutschland hat und haben wird –

zum einen, weil viele auf der Suche nach einer starken Identifikationsfigur Erdoğan idealisieren und seinen Authentizität vor allem daran messen, wie groß der Hass ist, der ihm von Seiten seiner Gegner (zu der die meisten Deutschstämmigen und auch viele Türkischstämmige zählen) entgegen schlägt,

zum anderen, weil viele von ihnen das Erdoğan-Bashing persönlich nehmen, selbst wenn ihnen manches Verhalten von ihm auch peinlich ist. Weiterlesen