Kommunikation mit muslimischen Schülern (SWRinfo)

Ich bin seit einigen Jahren in der Lehrerausbildung tätig. Hierbei werde ich immer wieder mit Fragen zum Verhalten von muslimischen Schülern konfrontiert. Viele Situationen, die mir geschildert werden, ähneln sich dabei und weisen verwandte Schwierigkeiten auf. Ein Beispiel, an dem man gut Grundsätzliches erklären kann, war die Frage, warum manche muslimische Schüler in Deutschland die Schweigeminute für die Opfer der IS-Anschläge in Paris vom November 2015 boykottierten. Einige Lehrerkollegen befürchteten sogar schon extremistische Weltanschauungen bei ihren Schülern.

Auch wenn dies in wenigen Einzelfällen vielleicht hätte zutreffen können: In den meisten Fällen ging es hierbei um etwas Anderes, nämlich um eine Verunsicherung der Schüler hinsichtlich ihrer muslimischen Identität. Denn über das wichtige Zeichen der Solidarität mit den Opfern hinaus stellten sie sich die Frage, wer in dieser sensiblen Situation, die auf das Konto muslimischer Terroristen geht, indirekt mit verurteilt wird. Dies sollte vorweg ausgesprochen werden, um die muslimischen Jugendlichen im Klassenzimmer ausdrücklich davon auszunehmen.

Leider erfahren viele junge Muslime schon früh, dass Viele in Deutschland nicht nur die Extremisten im Islam als Problem sehen, sondern die Muslime oder den Islam generell. Und dies belastet die Identifikation muslimischer Jugendlicher mit Deutschland. Viel zu selten bekommen sie die Zuversicht zugesprochen, dass es sehr wohl eine legitime islamische Identität auch innerhalb der deutschen Gesellschaft geben kann, und dass sie Kulturen kombinieren und ihre eigenen Synthesen schaffen dürfen. Aber genau diese Zuversicht sollte ihnen die Schule geben.

Doch was könnte man dazu in einer Situation wie nach Paris oder kürzlich nach Berlin konkret anders machen? Vor dem gemeinsamen Gedenken der Opfer von Paris hätte man etwa erwähnen können, dass dieselbe Terrorsekte, die in Paris gemordet hat, noch am Vortrag in Beirut und einen Monat davor in Ankara ähnlich brutale Anschläge verübte, und zwar beide Mal auf Muslime. Damit wird verdeutlicht, dass sich die Solidarität der Idee nach ebenso auf muslimische Kontexte bezieht, auch wenn offiziell leider nur an Paris gedacht war. Die Lehrkraft kann so auch verhindern, dass sich Muslime in der Klasse indirekt mit beschuldigt fühlen. Die Botschaft lautet dann: „Heute müssen wir alle, Deutsche, Araber, Türken, Christen, Muslime, Säkulare uns zusammenschließen gegen den Terror der Irrsinnigen gegen uns alle, gleichgültig ob die Terroristen heute IS, NSU oder sonst wie heißen!“

Nicht Tabuisieren, sondern Kontextualisieren lautet also die Devise. Nicht Verschweigen, sondern pädagogisch inkludierend Kommunizieren. Auch der ausdrückliche Hinweis durch die Lehrkraft, dass muslimische Stimmen aller Couleur sich in aller Deutlichkeit gegen den Terror im Namen des Islam ausgesprochen haben und aussprechen, kann in der aktuellen Stimmung für alle nur heilsam sein.

(Mein Beitrag vom 13. Januar 2017 für „Islam in Deutschland“ auf SWRinfo)

Über die deutsche Identität angesichts Kölner Zustände

Ich habe eine Vermutung: Kann es sein, dass in den Milieus von manchen der Köln-Grapscher (mal ganz unabhängig von deren erhöhten Alkohol- und Testosteronwerten) das Gerücht kursiert, dass man mit den Frauen in Deutschland alles machen kann, weil hier zinâ (außerehelicher Geschlechtsverkehr) nicht als harâm (religiös untersagt) deklariert ist?

Kann es sein, dass man in manchen Milieus glaubt, Frauen in Deutschland, die nachts auf die Straße gehen, seien im Grunde interessiert daran angemacht und begrapscht zu werden, weil ihnen jemand genau ein solches Bild von der Frau in Deutschland vermittelt hat?

Kann es sein, dass manche aus der Abwesenheit „strenger Brüder“ bei vielen Frauen und dem Fehlen eines Jungfräulichkeitsideals in Deutschland folgern, dass damit auch eine Abwesenheit von Sexualmoral einherginge?

(Ferner: Kann es sein, dass man in manchen (irgendwie als muslimisch geltenden) Milieus glaubt, islamische Sexualmoral gelte nur für die Schwester, wobei der Koran doch Keuschheit für Mann und Frau zugleich fordert und den Männern gebietet allgemein ihre Blicke zu senken, d. h. das andere Geschlecht nicht einmal mit Blicken zu belästigen?)

Kann es sein, dass manche glauben, dass weil hier in Deutschland nicht die islamische Sexualmoral die Regel darstellt, es hier praktisch gar keine Sexualmoral gibt?

Wenn ja, dann ist die Vermittlung von fundierten kulturellen Kenntnissen an die Neuankömmlinge von essenzieller Bedeutung – und zwar in einer Sprache, die diese gut verstehen. Und die nicht darauf abzielt damit zu protzen, wie aufgeklärt, weltoffen und liberal ein jeder deutsche Bundesbürger ist (was eine Übertreibung wäre).

Hilfreich wären konkrete Benimmdichregeln mit einer gut nachvollziehbaren Erklärung von typischen Verhaltensweisen der Leute hier bei uns statt abstrakter Werte- und Grundsatzhuberei.

Konkrete sinnvolle Vorgaben statt symbolischer Gesten der Verachtung gegenüber vermuteten Kollektiven.

Und wichtig: Eine klare Darstellung, dass die Deutschen keine kulturell homogene Masse bilden.

Je mehr ich die Leute hier kenne, umso deutlicher wird mir, der ich mich eigentlich als „Deutschenkenner“ verstehe, wie extrem verschieden Deutsche sein können.

Diese Feststellung ist zwar trivial – aber im interkulturellen Kontext ist sie ausgesprochen selten und lebenswichtig, hier also keineswegs trivial!

(Wir Muslime können einen langen und traurigen Blues über den Irrglauben der Außenstehenden an unsere innere Homogenität singen…)

Das vermittelte Wissen über den Deutschen muss also dem Neuling bei der Orientierung nützen. Alles andere ist Zeitverschwendung.

Aus vielen Gesprächen mit jungen Muslimen weiß ich, dass teils auch nach Jahrzehnten so manchem nicht Deutschstämmigen völlig schleierhaft ist, nach welchen moralischen Grundsätzen viele Menschen hierzulande eigentlich leben.

Insofern wäre es vielleicht an der Zeit einige Missverständnisse über die angestammt deutsche Mehrheitskultur anzupacken und sich für eine besseres Verständnis der deutschen Lebensweise(n) einzusetzen.

(bescheurte Zeitschriftencover und Nacktdemos anlässlich von Köln sind letztlich reine Selbstbeweihräucherung und bewirken mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit in den problematischen Milieus genau das Gegenteil von mehr „kulturellem Verständnis“)

Bereits eine kleine Umfrage unter ein paar jungen Muslimen (vor allem, wenn diese privat wenig im Kontakt zu Deutschen stehen) über ihr Bild vom Lebensinhalt der angestammten, säkular oder christlich geprägten Deutschen könnte für echte Überraschungen sorgen.

Mich würde es nicht wundern, wenn heraus käme, dass in der Wahrnehmung vieler muslimischer Jugendlicher „wahre deutsche Kultur“ vor allem Nationalismus, Materialismus, Religionsfreindlichkeit, Kleinlichkeit auch bei den sinnlosesten Regeln und vor allem: grenzenlose Triebbefriedigung bedeuten würde.

Gerade das oft vermutete „deutsche Ideal“ von grenzenloser Triebbefriedigung stellt oft die größte Identifikationshürde gegenüber „deutscher Kultur“ dar.

(Ich weiß, dass das mit der „Triebbefriedigung als kulturelle Maxime“, aber auch mit der krassen „Religionsfeindlichkeit“ so nicht zutrifft – ich weiß das aber nur aufgrund zahlreicher persönlicher Erfahrungen, trotz der medial inszenierten Popkultur und der öffentlichen Selbstdarstellung von deutschen und verhindert-deutschen „Patrioten“. Je mehr Muslime privaten Kontakt zu Nichtmuslimen haben, umso realistischer und differenzierter wird ihr Bild vom „Deutschen“)

Wie ich auf so eine krasse Einschätzung komme?

Nun, es ist nur ein Verdacht, der sich aus der Summe von vielen voneinander unabhängigen Gesprächen und innertürkischen sowie innerislamischen Diskursen speist.

Ich bin jetzt einfach mal so mutig und äußere diesen Verdacht – wenn er zutrifft, dann bedeutet das, dass dringend mehr Aufklärung über deutsche Kultur nötig wäre…

Integrationsprobleme haben oft auch etwas von falschen Vorstellungen von der Mehrheitskultur zu tun.

Das Problem daran ist freilich: Sind sich denn die Deutschstämmigen überhaupt so im Klaren darüber, wonach sie leben?

Können sie über ihre Praxis realistisch theoretisieren?

Wir nicht deutschstämmigen Muslime tun uns da unglaublich schwer. Wenn man uns etwas über Leben im Islam frägt, dann tendieren wir dazu nicht einfach das zu erzählen, was wir leben und erleben, sondern wir versuchen unser (meist zudem nicht einmal fundiertes) Idealbild vom islamischen Leben zu vermitteln, womit wir Missverständnisse nur verstärken.

(generell lässt sich selbst erprobter „Habitus“ nur schwer für Außenstehende verständlich in Worte fassen, da Habitus gerade ein Nicht-in-Worte-Gefasstes ist und einer praktischen Logik nach ihren eigenen Gesetzen folgt)

Wenn ich auf die völlig abstrakten und weltfremden Grundsatzdebatten schauen, die viele Deutsche im Moment der Verunsicherung durch ihr-wisst-schon-was fordern oder forcieren, dann komme ich zum Ergebnis, dass der öffentliche deutsche Diskurs über das Deutsche zu sehr auf Extreme setzt (z. B. extreme Toleranz vs. extreme Islamfeindlichkeit) und sich daher nicht eignet ein realistisches Bild vom Deutschen in der Mitte zu gewinnen.

Das wiederum bedeutet, dass wir einen grundsätzlich anderen Diskurs über das Deutsche bräuchten. Die Denk-, Handlungs- und Interpretationsgewohnheiten der Deutschen (unter Berücksichtigung der inneren Vielfalt und vor allem: Widersprüchlichkeit) zu kennen ist für eine gelingende Integration der „anderen“ viel entscheidender als abstrakte Grundsatzdebatten, die vor allem der Selbstbestätigung dienen sollen…

In diesem Sinne: Wer erklärt uns in verständlichen Worten, was hier in Deutschland gelebt, gedacht und gefühlt wird?

Was wir heute noch von Biruni lernen können

Vor ziemlich genau einem Jahrtausend lebte der persische Universalgelehrte Abu Rahyan Biruni. Er war in zahlreichen Disziplinen bewandert und produktiv – sei es Astronomie oder Medizin, die Geschichte der Religionen oder der Völker, Philosophie oder Chemie. Heute nach 1000 Jahren erscheinen mir seine Haltungen zu Welt, Gesellschaft und Religion noch immer aktuell, und wir können von ihm viel Inspiration schöpfen.

Besonders beeindruckend finde ich seine Position zur Vereinbarkeit von Religion und weltlicher Wissenschaft. So zitiert der gläubige Muslim Biruni gegen einige wissenschaftsfeindliche Religionsgelehrte seiner Zeit den Vers 191 der Koransure 3. Darin werden die Muslime beschrieben als jene, die über die Erschaffung des gesamten Universums nachdenken. Biruni deutet dies als Hinweis, dass sich Muslime mit allen Wissenschaften – nicht nur den religiösen – auseinandersetzen sollen, da sie das Leben des Menschen bereichern. Er plädiert auch dafür, Meinungen stets nur nach der Qualität der Argumentation und nicht nach der religiösen Identität ihrer Urheber zu beurteilen. Er begründet dies mit Sure 39, Vers 18, wo es von den Muslimen heißt, dass sie „auf das Wort hören und dann dem Besten davon folgen.“

Die großen Philosophen seiner Zeit sind ihm oft zu dogmatisch. Beispielsweise wenn Avicenna von Aristoteles die Ansicht übernimmt, dass es im Kosmos nur unsere eine Erde geben könne. Biruni argumentiert dagegen – und zwar theologisch. Er sagt, dass eine solche Behauptung die Allmacht des Schöpfers einschränken würde. Heute würde er mit seiner Idee von der Möglichkeit vieler Welten Recht bekommen.

Biruni blieb auch in Zeiten der politischen Krise offen und human gegenüber dem Fremden. Als Mahmud von Ghazna Indien eroberte, kritisierte Biruni zwar dessen hartes Vorgehen, nutzte aber die Gelegenheit, die Kultur und Religion der Hindus zu studieren. So lernte er Sanskrit und befand sich fortan als Muslim in einem intensiven und respektvollen Austausch mit den brahmanischen Gelehrten. Er übersetzte naturwissenschaftliche Werke aus dem Arabischen ins Sanskrit und verfasste zugleich eine heute noch relevante Darstellung der Kultur des damaligen Indiens.

Biruni zog seinen muslimischen Glauben dem der Brahmanen vor. Dennoch zollte er ihnen große Achtung. Er versuchte Ursprung und Sinn der indischen Lehren und Riten verständlich zu machen und zeigte unbefangen auf, worin die hinduistischen Brahmanen den Muslimen ihrer Zeit überlegen waren. Birunis Festigkeit in seiner eigenen Religion, seine Humanität und universale Bildung gaben ihm offensichtlich die nötige Stärke um dem Fremden in Respekt, Fairness und Neugier entgegenzutreten und diesem sogar Positives abzugewinnen – all dies sind Haltungen, von denen wir heute mehr denn je lernen können.

(mein aktueller Beitrag für „Islam in Deutschland“ auf SWRinfo – http://swrmediathek.de/player.htm?show=ba2791f0-b5bd-11e5-a04b-0026b975e0ea)

Kategorienfehler bei der Verhältnisbestimmung von Theorie und Praxis

Eine verbreitete Unphilosophie: Zu glauben, dass man aus dem „Töten im Namen einer Religion“ durch einige verwirrte Zeitgenossen eine Aussage über das Wesen dieser Religion ableiten kann. Das ist so ähnlich absurd, wie wenn man aus dem „Töten im Namen der Demokratie“ schon etwas über die Legitimität dieses Tötens aus der Sicht der Demokratie ableiten wollte.

Dabei ist das „Töten im Namen der Religion/Demokratie“ zunächst ein Analyse-Gegenstand für die Soziologie, Psychologie, Geschichtsschreibung etc. – ein empirischer Befund über das, was Menschen tun, und wie sie oder Außenstehende das selbe kommentieren. Hier haben wir es mit Elementen aus der menschlichen Praxis und des menschlichen Diskursverhaltens zu tun. Der parallel zur Praxis geführte religiöse Diskurs hat hier in der Regel rein instrumentellen Wert: Er dient nicht der Wahrheitsfindung.

Er ist durch die Interessen der vorgeschalteten Praxis korrumpiert. Weiterlesen

Zwölf Reflexionen am symbolischen Übergangspunkt der Welten in Istanbul

Nach getaner Arbeit in Istanbul bin ich gegen Abend ungeduldig mit Cem Karacas Song „Ich bin ein Nussbaum im Gülhane-Park“ in den Ohren in den Gülhane-Park gelaufen um gänzlich in der Atmosphäre Istanbuls aufzugehen und um meinen Gedanken, die mich seit Tagen begleiten, freien Lauf zu lassen. Herausgekommen sind Sammlungen von Eindrücken und Reflexionen über Fragen, die mich sehr bewegen. Fragen, deren Antworten irgendwo in meinen fragmentarischen Eindrücken von Istanbul verborgen zu liegen scheinen. Antworten, die ich entschlüsseln muss, in der Hoffnung, dass es praktikable Antworten darauf gibt. Das ist mein skizzenhaftes Ergebnis, mein vorläufiges Bosporus-Manifest auf dem Weg vom konkreten Ereignis zur grundsätzlichen Idee:

1. Fasten als kollektives Erlebnis

… fastende Menschen aller Couleur, die sich brüderlich auf dem Sultan-Ahmet Platz versammeln, es sich auf dem Boden gemütlich machen und auf das Fastenbrechen warten, und dabei so wirken, als sei der ganze Platz ein Teil ihrer Wohnung und alle Menschen um sie herum ein Teil ihrer Familie; diese unkomplizierte Haltung imponiert mir: die ganze Welt als eine gemeinsame Wohnung; dann der Sonnenuntergang, die traditionelle Kanonenkugel wird abgefeuert, der Fastentag ist beendet; die Stadt erlebt ihren zweiten Morgen…

2. Mottovorschlag

… „Wenn diese verdammte Welt ihre Tatsachen hat, so haben wir unsere Ideale.“ (D. Cündioğlu) Weiterlesen

Wilhelm von Humboldts Bildungsbegriff

Ich gestehe: Ich bin ein großer Bewunderer der von Wilhelm Dilthey als „Deutsche Bewegung“ bezeichneten Periode, die manche von 1781 (Erscheinungsjahr von Kants Kritik der reinen Vernunft) bis 1831 (das Todesjahr Hegels) datieren. Was diese Periode rückblickend so großartig macht, ist die Dichte und Intensität, mit der gedichtet, philosophiert, gestritten und über die rechte Erziehung und Bildung des Menschen nachgedacht wurde („Bildung“ ist übrigens im modernen Sinne ein genuin „deutsches“ Konzept, das kaum adäquat übersetzbar ist). Zugleich wurden Toleranz und Weltoffenheit zu zentralen Themen, was zeigt, dass in dieser Phase eigentlich das (bis heute unverwirklichte, und eher in das Gegenteil verkehrte) Potenzial lag den gerade sprießenden Nationalismus langfristig obsolet zu machen und zu überwinden.

Einer der für mich prägendsten Namen aus dieser Periode ist Wilhelm von Humboldt, dem wir letztlich das heutige Gymnasium und zahlreiche Impulse zum Konzept der Allgemeinbildung des Menschen verdanken. Was ihn mir zusätzlich sympathisch macht, ist sein teilweise schon fast spirituell anmutendes Bildungskonzept fernab von jeglicher industriellen Instrumentalisierbarkeit und sein Interesse an anderen Sprachen, die für ihn Weisen der Welterschließung darstellen. Im folgenden Zitat definiert er nicht nur einen geradezu metaphysisch anmutenden Bildungsbegriff, der mich an das in der islamischen Mystik anzutreffende Bild vom perfekten Menschen als harmonischsten Erscheinungsort aller Namen Gottes erinnert – sondern er mahnt auch dazu, dass Bildung nur in Auseinandersetzung mit einer „Mannigfaltigkeit der Situationen“ möglich ist, also mit Vielfalt, insbesondere in der in Menschen verwirklichten Form. Klasse!

„Der wahre Zweck des Menschen – nicht der, welchen die wechselnde Neigung, sondern welchen die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt – ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste und unerläßliche Bedingung. Allein außer der Freiheit erfordert die Entwickelung der menschlichen Kräfte noch etwas andres, obgleich mit der Freiheit eng Verbundenes: Mannigfaltigkeit der Situationen. Auch der freieste und unabhängigste Mensch, in einförmige Lagen versetzt, bildet sich minder aus.“ (Aus: W. v. Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen)