6:107 Du bist kein Wächter über ihren (Un-)Glauben

107. Wenn Gott gewollt hätte, hätten sie (Ihm) nicht(s) beigesellt. Und Wir haben dich nicht zum Hüter über sie gemacht, noch bist du (als) Sachwalter über sie (eingesetzt).

 (107) وَلَوْ شَآءَ ٱللَّـهُ مَآ أَشْرَكُوا۟ وَمَا جَعَلْنَـٰكَ عَلَيْهِمْ حَفِيظًا وَمَآ أَنتَ عَلَيْهِم بِوَكِيلٍ

Kommentar

In diesem Vers wird die Rolle des Propheten Muhammad beschränkt auf die Verkündung und Repräsentation seiner Botschaft. Man kann zunächst vermuten, dass dies ein Ausdruck der Machtverhältnisse in Mekka ist, die bis zur Auswanderung der Muslime deutlich zu deren Ungunsten ausfiel. In jedem Fall spiegeln sich diese Machtverhältnisse im tröstenden Ton des Verses wieder: Die verschlossenen Ohren, auf die der Prophet stößt, sind nicht sein Verschulden und er ist somit für ausbleibende Erfolge seines Wirkens entschuldigt.

Entscheidend für die verallgemeinerbare Botschaft des Verses ist aber ein anderer Aspekt: Die Begründung, warum der Prophet letztlich kein Wächter über die Polytheisten Mekkas ist, wird im Vers nicht politisch, sondern theologisch begründet: Wenn Gott gewollt hätte, würde ihm niemand etwas beigesellen. Es liegt also nicht am Verkünder, sondern an Gott allein den entscheidenden Schritt durchzuführen, also die Herzen der Menschen zum Glauben zu bewegen.

Darum ist der Prophet bzw. ein islamischer Verkünder nicht dazu autorisiert von seinem Gegenüber die Annahme des islamischen Glaubens zu erwarten oder gar einzufordern. Denn damit würde er in Konflikt mit dem genannten koranischen Prinzip kommen, dass ein solcher Schritt, wenn er ehrlich sein soll, nur vom Inneren des Menschen her erwirkt werden kann. Dieser innere Schritt muss vom betreffenden Menschen jedoch angestrebt und von Gott gewollt sein.

Zahlreiche weitere Verse bestätigen diese Perspektive der Zweiteilung der Befugnisse: Der Prophet waltet vorbereitend in der Außenwelt und überlässt die religiös relevanten inneren Prozesse in seinem Gegenüber sowie den Erfolg oder Misserfolg seines Wirkens alleine Gott. Insofern können spätere muslimische Machtstrukturen und Herrschaftspraktiken, die als Druck zur Konversion oder zur islamischen Praxis gewirkt haben könnten, nicht als universelles islamisches Prinzip begründet werden. Sie müssen im Kontext der sozialen Umstände, der pragmatischen Interessen und der politischen Bedürfnisse und Präferenzen ihrer Zeit verstanden werden. So hatte die muslimischen Gemeinschaft in Medina beispielsweise auch so zentrale Aufgaben wie den Schutz und das Zusammenwachsen der jungen Gemeinde, die Festigung der neuen religiösen Identität angesichts zahlreicher Infragestellungen und die Herstellung von politischer Stabilität und Unabhängigkeit.

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