Von Zeit und Vergänglichkeit (SWRinfo)

Es war ein denkwürdiger Sommer für mich – zum ersten Mal seit vielen Jahren besuchte ich Kırşehir, die türkische Heimatstadt meiner Eltern. Diese Stadt war in meiner Kindheit für mich und meine Geschwister ein legendärer Ort – hier lebten unsere Verwandten, die wir jedoch nur alle zwei Jahre für vier Wochen zu Gesicht bekamen. So ergab es sich, dass ich schon als Kind abzuzählen begann, wie oft ich noch meinen Cousins, die mich durch eine abenteuerliche Welt führten, so begegnen würde, wie ich sie kennengelernt hatte. Nämlich als Kinder.

Dass diese gemeinsame Zeit nicht mehr allzu lange dauern würde, veranlasste mich, jeden Moment mit ihnen intensiv zu genießen. So wurde auch das gemeinsame abendliche Lauschen der Geschichten, die die Großen im Garten unter freiem Sternhimmel und bei raschelndem Laub der Maulbeerbäume erzählten, zu Augenblicken, in denen die Zeit still stand und die Nacht magisch wurde.

Aus Kindern wurden sehr bald Erwachsene, die nie mehr so unbeschwert zusammenkommen würden. Willkommen in der Welt der Großen! Meine unveränderlich geglaubten Großeltern sind inzwischen gestorben und nun auf einem stillen Hügel Kırşehirs begraben. Von diesem Hügel aus zeigt sich die Welt in einem anderen Licht. Es ist ein schwer greifbarer Ort, dessen stille und geduldige Sprache ich mir durch meinen Glauben verständlich zu machen versuche.

Was ist, wenn die Welt und all die Menschen, die kommen und gehen, kurze Verkörperungen von etwas Ewigem und Guten darstellen? Im Koran, Sure 28, Vers 88, heißt es von Gott „Alles wird untergehen, außer seinem Angesicht.“ Was ist, wenn diese Welt eine Struktur gewordene und wandelhafte Reflexion seines Angesichts darstellt? Die Sufis prägten ein Verständnis von der Welt als dem Erscheinungsort der ewigen Namen Gottes. Die Seele des Menschen, sagen sie, sei ein Ort, der sich diesen Namen öffnen müsse, um ihr wahres Wesen zu erkennen und zu verwirklichen.

Wenn Gott eins ist, dann kann man auch Werden und Vergehen als zwei gleichermaßen legitime Gesichter derselben Sache sehen. Unsere Welt wird dann durch Bejahung der ihr innewohnenden Endlichkeit zwar fremdartiger, aber nicht sinnloser. Denn dieser Blick setzt Sein nicht mit aktuell erlebter Gegenwart gleich.

Im Wissen Gottes sind laut den muslimischen Theologen Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen präsent. Vielleicht hat diese zeitlose Perspektive sogar eine physikalische Seite, wie etwa im Modell des Blockuniversums, in dem die vielen Momente der Zeit wie auf einer Filmrolle gleichzeitig real sind. Demnach ist es erst unser Bewusstsein, in dem eine Trennung von Vergangenheit und Zukunft stattfindet. Mich beflügelt jedenfalls der Gedanke, dass meine Großeltern in ihren Phasen als Kind, als Jugendliche und als gealterte Greise gleichermaßen auch heute existieren, wenn auch in einem abstrakteren Sinn. Und dass ich auch heute keinen großen Schritt von der Welt meiner Kindheit entfernt bin, wenn ich nachts unter freiem Sternhimmel sitze und mir Gedanken über diese Dinge mache.

(Mein Beitrag für „Islam in Deutschland“ auf SWRinfo vom 7. Oktober)