Antworten auf Einwände gegen die freiheitliche Auslegung von „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ (2:256)

Aus meinem Koran-Blog unter der Kategorie Glaubensfreiheit:

„Es gibt keinen Zwang in der Religion. (Der Weg der) Besonnenheit ist nunmehr klar unterschieden von (dem der) Verirrung. Wer also die Götzen (aṭ-Ṭāġūt) verleugnet, jedoch an Gott glaubt, der hält sich an der festesten Handhabe, bei der es kein Zerreißen gibt. Und Gott ist Allhörend und Allwissend.“ (Sure 2, Vers 256)

لَا إِكْرَاهَ فِي الدِّينِ

قَد تَّبَيَّنَ الرُّشْدُ مِنَ الْغَيِّ

فَمَن يَكْفُرْ بِالطَّاغُوتِ وَيُؤْمِن بِاللَّـهِ فَقَدِ اسْتَمْسَكَ بِالْعُرْوَةِ الْوُثْقَىٰ

 (256) لَا انفِصَامَ لَهَا وَاللَّـهُ سَمِيعٌ عَلِيمٌ

Kommentar

Dieser Vers beginnt mit dem berühmten Satz „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ (lā ikrāha fi-d-dīn), der ein klares koranisches Plädoyer für universelle Glaubensfreiheit darstellt. Die Ablehnung von Zwang (ikrāh) ist ein gemeinsames Thema der medinensischen und mekkanischen Phase der Offenbarung des Korans (siehe 10:99). Unter Zwang ist hierbei zunächst eine Nötigung wider Willen zu verstehen, sei es mit oder ohne physische Gewalt. Die Formulierung ist klar und zugleich sehr allgemein gehalten und verbietet auf der Ebene des Wortlautes sowohl einen Zwang zur Annahme des Islams, als auch generell auch die Verwendung von Zwang in religiösen Angelegenheiten, also auch innerhalb der Religion. Weiterlesen

Männer und Frauen sind einander Gehilfen (Koran-Blog)

Aus meinem Koran-Blog in der Kategorie Mann und Frau: Emanzipatorisches:

„Die gläubigen Männer und Frauen sind einer des anderen Beschützer (oder: Gehilfen/Freunde). Sie gebieten das Rechte und verbieten das Verwerfliche, verrichten das Gebet und entrichten die Abgabe und gehorchen Gott und Seinem Gesandten. Sie sind es, derer Gott Sich erbarmen wird. Gewiss, Gott ist Allmächtig und Allweise.“ (Sure 9, Vers 71)

وَالْمُؤْمِنُونَ وَالْمُؤْمِنَاتُ بَعْضُهُمْ أَوْلِيَاءُ بَعْضٍ

يَأْمُرُونَ بِالْمَعْرُوفِ وَيَنْهَوْنَ عَنِ الْمُنكَرِ

وَيُقِيمُونَ الصَّلَاةَ وَيُؤْتُونَ الزَّكَاةَ

وَيُطِيعُونَ اللَّـهَ وَرَسُولَهُ

أُولَـٰئِكَ سَيَرْحَمُهُمُ اللَّـهُ

(71) إِنَّ اللَّـهَ عَزِيزٌ حَكِيمٌ

Kommentar:

Dieser Vers ist hinsichtlich der chronologischen Reihenfolge der höchstwahrscheinlich letzte, der zum Verhältnis zwischen Männern und Frauen geoffenbart wurde. Geht man von der Annahme aus, dass generell die späteren Verse des Korans im Vergleich zu früheren neue Aspekte ins Spiel bringen, dann kann man daraus folgern, dass der Koran in der späten medinensischen Phase eine emanzipatorische Wendung vollzogen hat. Dieser emanzipatorische Charakter wird hervorgehoben durch

  • die auf Augenhöhe beschriebene Beziehung zwischen Mann und Frau („… sind einander awliyâ /Freunde/Gehilfen/Beschützer“)
  • die gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe „das Rechte zu gebieten und das Verwerfliche zu verbieten“, also Verantwortung für die soziale ethische Ordnung zu übernehmen,
  • die Tatsache, dass diese Mann und Frau gleichstellenden Aspekte ohne jede einschränkende Bedingung genannt werden, im Unterschied zu den eher patriarchalisch geprägten Passagen des Korans wie in 4:34, in denen die Vorrangstellung des Mannes abhängig von Bedingungen formuliert wird,
  • die Nennung des Paradieses als gemeinsame Belohnung im Folgevers 9:72.