Zwölf Reflexionen am symbolischen Übergangspunkt der Welten in Istanbul

Nach getaner Arbeit in Istanbul bin ich gegen Abend ungeduldig mit Cem Karacas Song „Ich bin ein Nussbaum im Gülhane-Park“ in den Ohren in den Gülhane-Park gelaufen um gänzlich in der Atmosphäre Istanbuls aufzugehen und um meinen Gedanken, die mich seit Tagen begleiten, freien Lauf zu lassen. Herausgekommen sind Sammlungen von Eindrücken und Reflexionen über Fragen, die mich sehr bewegen. Fragen, deren Antworten irgendwo in meinen fragmentarischen Eindrücken von Istanbul verborgen zu liegen scheinen. Antworten, die ich entschlüsseln muss, in der Hoffnung, dass es praktikable Antworten darauf gibt. Das ist mein skizzenhaftes Ergebnis, mein vorläufiges Bosporus-Manifest auf dem Weg vom konkreten Ereignis zur grundsätzlichen Idee:

1. Fasten als kollektives Erlebnis

… fastende Menschen aller Couleur, die sich brüderlich auf dem Sultan-Ahmet Platz versammeln, es sich auf dem Boden gemütlich machen und auf das Fastenbrechen warten, und dabei so wirken, als sei der ganze Platz ein Teil ihrer Wohnung und alle Menschen um sie herum ein Teil ihrer Familie; diese unkomplizierte Haltung imponiert mir: die ganze Welt als eine gemeinsame Wohnung; dann der Sonnenuntergang, die traditionelle Kanonenkugel wird abgefeuert, der Fastentag ist beendet; die Stadt erlebt ihren zweiten Morgen…

2. Mottovorschlag

… „Wenn diese verdammte Welt ihre Tatsachen hat, so haben wir unsere Ideale.“ (D. Cündioğlu) Weiterlesen

Liberal-konservative Ärgernisse (SWRinfo)

Ich werde oft von nichtmuslimischen Freunden mit Fragen konfrontiert wie „Was hältst du eigentlich von den konservativen Islamauslegungen?“ Oder: „Würdest du dich als liberaler Muslim bezeichnen?“ An sich wäre meine Antwort darauf klar: In manchen Punkten in meiner religiösen Verortung bin ich liberal, in anderen konservativ und in wieder anderen eine Mischung aus beidem oder unentschlossen. Wie sollte es denn auch anders sein, wo die Begriffe „liberal“ und „konservativ“ ja keine abgeschlossenen Weltbilder beschreiben.

Doch dann konfrontieren mich selbige Freunde mit Artikeln oder Interviews, in denen Muslime im Namen eines liberalen oder aufgeklärten Islam fast noch schärfer über anders denkende Muslime urteilen als die Islamkritiker. Da wird dann der tradierte islamische Glaube zur Ursache aller Integrationsprobleme erklärt, das Islambild der Islamverbände in die Nähe des sogenannten „Islamischen Staates“ gerückt, oder der konservativ-sunnitische Moscheegänger zum Kristallisationskeim des Kulturkampfes in Deutschland erklärt. Auch eine Lösung ist parat: schnell mal eine historisch-kritische Koranauslegung und sofortige Verdrängung jeglicher traditioneller Praktiken. So einfach ist das.

Wenn ich dann das mediale Interesse an diesen extrem vereinfachenden Stimmen wahrnehme, dann möchte ich gerne alle meine liberalen Bekenntnisse zurücknehmen und sagen: Ich bleibe aus Protest lieber konservativ! Denn die Entschlossenheit der eben zugespitzt formulierten Positionen muss jedem gläubigen und praktizierenden Muslim Angst machen.

Enttäuschend ist zugleich, dass auch im Lager der sogenannten Konservativen immer wieder undifferenzierte Diffamierungskampagnen gegen Vertreter liberalerer Positionen laufen. Statt deren Argumente individuell zu studieren und zu kritisieren, werden diese pauschal in einen Topf geworfen und kollektiv abgeurteilt. Dabei sind Liberale untereinander mindestens so vielfältig wie Konservative. Und viele von ihnen sind nicht weniger religiös als die letzteren.

Gerade jetzt, da mit der islamischen Theologie an den Universitäten und dem Islamunterricht an Schulen ein frischer Wind in den innerislamischen Diskurs kommt, brauchen Muslime konservativer sowie liberaler Prägung einander mehr denn je. Denn sie repräsentieren oftmals auch unterschiedliche Lebenslagen und Erfahrungsschätze, die sich gegenseitig ergänzen können. Wir benötigen daher eine gemeinsame, kritisch-konstruktive Auseinandersetzung, um Perspektiven für die muslimische Community in Deutschland zu entwickeln. Dazu müssten aber die dialogorientierten Vertreter beider Seiten viel öfter aufeinander zugehen und vormachen, wie ein liberal-konservativer Schulterschluss im Islam aussehen könnte. Noch besteht die Gelegenheit dazu. Und die Zeit dafür ist reif – immerhin ist gerade der Fastenmonat Ramadan, der für Aussöhnung und Freundschaft steht…

(Mein aktueller Beitrag in “Islam in Deutschland” auf SWRinfo. Der Beitrag ist hier zum Nachhören)