Vom mitternächtlichen Bewusstsein

Ich liebe die Mitternacht und die Zeit nach Mitternacht.

Sie ist der entrückte Umschlagplatz der Inspirationen.

Sie scheint mir allein zu gehören, die Mitternacht, seit jeher schon.

Gibt es doch kaum jemanden, der mir um die Zeit die Welt strittig machen wollte.

So wird das zu einer Win-win-Situation:

Ich lasse euch in Ruhe nächtigen, und ihr lasst mich in Ruhe mit meinen Geistern konferieren.

Es ist diese verheißungsvolle Stille, die diese Nächte so voller Spannung macht.

Sie wird nie durchbrochen, diese Stille, und es ihr auch wesensfremd durchbrochen zu werden.

Losgelöst vom profanen Rhythmus der Tageswelt, des banalen Zeitplans.

Ich verzichte hier gerne auf etwas Schlaf.

Das, was dafür geschenkt wird, ist mir wahrere Wachheit.

Es ist das Gefühl sich für einen Moment in der Schaltzentrale der Welt bzw. der eigenen Welt wiederzufinden.

Ein kurzer Moment des Gefühls, dass man ganz leise das Gute im Dunkeln keimen hört, dass es des Anbruchs eines ewig weit entfernten, aber doch unmittelbar bevorstehenden Morgens harrt.

Das Wahre, Gute und Schöne rücken hier geradezu in sinnliche Reichweite.

Aber es bleibt besser verborgen, als Idee, als Gefühl.

Die undurchbrochene Stille ist größer als der individuierte Klang, mag er noch so schön sein.

Es ist das seltsame Gefühl, dass das Denken sein Gegenüber erahnt, dass eine umgedrehte Suche vom Ziel her beginnt, dass dem Gottesdienst in chiffrierter Sprache geantwortet ist.

Das Ticken der Uhr erinnert an den Fortgang der Zeit.

Zeit und Vergänglichkeit werden zur Strömung unter mir.

Vergänglichkeit ist verzichtbare Perspektive.

Zeit ist, was bleibt.

Zeit ist gut.

Hoffnung ist unzerstörbar.

Dass alles wieder ganz wird.

Dass es eigentlich nie getrennt war.

Hoffnung gründet in Metaphysik.

Es ist der Glaube, dass der Urgrund der Dinge in irgendeinem Sinne gut ist, dass ich an etwas Gutem teilhabe, dass ich zwar selbst der Strömung unterliege, aber dass die Strömung hier mein Verbündeter ist, im Dienste von Größerem steht.

“Flucht nicht auf die Zeit, denn Allah ist die Zeit”, heißt es in einem Hadith.

Das Sein auf der Seite der Sinne erscheint als Fluss von Nichtigkeiten und Flüchtigkeiten.

In diesen Flüchtigkeiten spiegelt sich jedoch Bleibendes, Konstantes.

Das mitternächtliche Bewusstsein befindet sich mit einem Ende in der Welt dieser Strömungen, stets im Angesicht der Gefahr zu verfließen, sich im Kräftefeld der Dinge aufzulösen.

Mit dem anderen Ende ist es bis auf einen festen Urgrund getaucht, auch wenn ich diesen Urgrund selbst nicht sehe.

Er zeigt sich mir in Mathematik, in Struktur, in Zeitlosigkeit.

Er zeigt sich mir im Bewusstsein, im Wunder der wahrgenommenen inneren Kohärenz, in der Fähigkeit zu leben und mein eigenes Denken wahrzunehmen.

Er zeigt sich mir im Naturgesetz, in der inneren und äußeren Ordnung, im Gefühl den Urgrund unter mir zu erfühlen, wenn ich Quantenfeldtheorie betreibe, wenn ich die Einstein-Friedmann-Gleichungen nachrechne, wenn ich die Symmetrien der fundamentalen Theorien bestaune.

Es ist das beheimatende Gefühl, dass der Weg vom Urgrund weg stets wieder zum Urgrund selbst führt.

Die einen Manifestationen von Allahs Namen wechseln sich ab mit den anderen.

Und doch handeln sie stets nur von einem, das zu groß ist, als dass ich es fassen könnte, aber das mir in solchen Momenten so klar aufscheint, dass ich unendlichen Glauben daran zu haben meine.

Hoffnung ist unzerstörbar.

Hoffnung ist der apriorische, von Erfahrung losgelöste Glaube an den Urgrund.

Er kann nicht hergeleitet und auch nicht logisch begründet werden.

Er ist entweder da, oder nicht da.

Er ist eine Art das eigene Bewusstsein und die Welt zu lesen.

Alles andere sind Details, Nichtigkeiten im Vergleich zum Hauptthema.

Vielleicht hat jeder einen anderen Namen dafür, aber meint dasselbe – ich weiß es nicht. Ich muss es auch nicht wissen. Denn es ist mir egal. Denn es ist egal.

Das mitternächtliche Bewusstsein ist nicht polemisch, es ist betrachtend.

Es ist nachdenklich, nicht berechnend.

Es zweifelt an aller Erscheinung.

Aber es ruht in fester Stille auf dem sichersten Urgrund, den es gibt.

Auf dem einzigen Urgrund.

Auf dem Urgrund.

Es findet zu sich, es erkennt das Bleibende, es identifiziert sich mit der Substanz im Fluss seiner Gedanken…

Es wird aber nie selbst zu diesem Fluss, solange es sich eine Substanz erahnt…


Kommentare

Vom mitternächtlichen Bewusstsein — 1 Kommentar

  1. Inspirierende Zeilen, habe mich dazu bewegt, einige zeit nachts allein zu verbringen. Eine lohneswerte Erfahrung. Danke dafür. Salam Amir

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