Von Zeit und Vergänglichkeit (SWRinfo)

Es war ein denkwürdiger Sommer für mich – zum ersten Mal seit vielen Jahren besuchte ich Kırşehir, die türkische Heimatstadt meiner Eltern. Diese Stadt war in meiner Kindheit für mich und meine Geschwister ein legendärer Ort – hier lebten unsere Verwandten, die wir jedoch nur alle zwei Jahre für vier Wochen zu Gesicht bekamen. So ergab es sich, dass ich schon als Kind abzuzählen begann, wie oft ich noch meinen Cousins, die mich durch eine abenteuerliche Welt führten, so begegnen würde, wie ich sie kennengelernt hatte. Nämlich als Kinder.

Dass diese gemeinsame Zeit nicht mehr allzu lange dauern würde, veranlasste mich, jeden Moment mit ihnen intensiv zu genießen. So wurde auch das gemeinsame abendliche Lauschen der Geschichten, die die Großen im Garten unter freiem Sternhimmel und bei raschelndem Laub der Maulbeerbäume erzählten, zu Augenblicken, in denen die Zeit still stand und die Nacht magisch wurde.

Aus Kindern wurden sehr bald Erwachsene, die nie mehr so unbeschwert zusammenkommen würden. Willkommen in der Welt der Großen! Meine unveränderlich geglaubten Großeltern sind inzwischen gestorben und nun auf einem stillen Hügel Kırşehirs begraben. Von diesem Hügel aus zeigt sich die Welt in einem anderen Licht. Es ist ein schwer greifbarer Ort, dessen stille und geduldige Sprache ich mir durch meinen Glauben verständlich zu machen versuche.

Was ist, wenn die Welt und all die Menschen, die kommen und gehen, kurze Verkörperungen von etwas Ewigem und Guten darstellen? Im Koran, Sure 28, Vers 88, heißt es von Gott „Alles wird untergehen, außer seinem Angesicht.“ Was ist, wenn diese Welt eine Struktur gewordene und wandelhafte Reflexion seines Angesichts darstellt? Die Sufis prägten ein Verständnis von der Welt als dem Erscheinungsort der ewigen Namen Gottes. Die Seele des Menschen, sagen sie, sei ein Ort, der sich diesen Namen öffnen müsse, um ihr wahres Wesen zu erkennen und zu verwirklichen.

Wenn Gott eins ist, dann kann man auch Werden und Vergehen als zwei gleichermaßen legitime Gesichter derselben Sache sehen. Unsere Welt wird dann durch Bejahung der ihr innewohnenden Endlichkeit zwar fremdartiger, aber nicht sinnloser. Denn dieser Blick setzt Sein nicht mit aktuell erlebter Gegenwart gleich.

Im Wissen Gottes sind laut den muslimischen Theologen Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen präsent. Vielleicht hat diese zeitlose Perspektive sogar eine physikalische Seite, wie etwa im Modell des Blockuniversums, in dem die vielen Momente der Zeit wie auf einer Filmrolle gleichzeitig real sind. Demnach ist es erst unser Bewusstsein, in dem eine Trennung von Vergangenheit und Zukunft stattfindet. Mich beflügelt jedenfalls der Gedanke, dass meine Großeltern in ihren Phasen als Kind, als Jugendliche und als gealterte Greise gleichermaßen auch heute existieren, wenn auch in einem abstrakteren Sinn. Und dass ich auch heute keinen großen Schritt von der Welt meiner Kindheit entfernt bin, wenn ich nachts unter freiem Sternhimmel sitze und mir Gedanken über diese Dinge mache.

(Mein Beitrag für “Islam in Deutschland” auf SWRinfo vom 7. Oktober)

Wie interpretieren Muslime den Koran? (SWRinfo)

Lesen gläubige Muslime den Koran? Ja, was sollten sie denn sonst lesen! Und buchstabengetreu befolgen wollen sie ihn! Denn schließlich ist er für die Muslime das unverfälschte Wort Gottes – so oder so ähnlich klingt eine ganze Reihe an Mutmaßungen über den muslimischen Umgang mit dem Koran.

Da muss es als Skandal anmuten, dass weder die Koranlektüre, noch eine intensive Auslegungsarbeit zur religiösen Praxis der meisten Muslime gehört. Vielmehr folgt diese Praxis einer sozial vermittelten Weitergabe bewährter Inhalte in einem historisch gewachsenen religiösen Umfeld. Und selbst das Ziel der meisten Koranschulen besteht nicht etwa in einem Koranverstehen, sondern in der kunstvollen und wohltuenden Rezitation des arabischen Originals des Korans.

Das verbreitete Klischee vom verstehenden Koranleser erscheint mir wie die Projektion einer lutherisch geprägten Begeisterung für die direkte Bibellektüre in den muslimischen Kontext hinein. Für Außenstehende ist das manchmal attraktiv: So kann man jegliche Beobachtung bei Muslimen quasi auf Koranverse zurückführen und muss sich nicht mehr mit der individuell sehr verschiedenen Lebenswirklichkeit der Muslime befassen.

Wer so argumentiert, hat nicht nur ein sehr einfaches Bild von Koranauslegung, sondern denkt wohl auch am realen Muslim vorbei. Denn Textkenntnisse ersetzen nie den mühsamen Prozess des Verstehens eines lebendigen menschlichen Gegenübers.

Aber gut, ich gebe zu: So folgenlos ist Koranauslegung natürlich auch wieder nicht. Denn mit ihr kann man versuchen, Missstände ebenso zu legitimieren wie zu hinterfragen und so neue Perspektiven zu ermöglichen.

Da ist es erfrischend zu wissen, dass es muslimische Gelehrte nie als Widerspruch sahen, den Koran als Wort Gottes zu ehren, aber ihn zugleich einer vielfältigen Auslegung zu unterziehen. Für sie war die Situation klar: Es gibt bei jedem noch so eindeutig wirkenden Koranvers relativierende textliche Zusammenhänge, spezielle historische Hintergründe sowie erstaunliche Vieldeutigkeiten.

Dies und mehr führte über viele Jahrhunderte zu einer großen Zahl sehr umfangreicher und unterschiedlicher Werke zum Koran. In der Moderne kamen Zugänge hinzu, die das historisch-kulturelle Umfeld des Korans noch stärker betonen. Auch sie hinterfragen den Offenbarungscharakter des Korans in der Regel nicht, sondern versuchen ihn aus seinem historischen Kontext heraus zu verstehen.

Leider ging in der Moderne der Blick auf die Vielfalt und Originalität der islamischen Tradition von Textauslegung verloren. Dabei hat diese viele tief schürfende Gedanken hervorgebracht, die die Muslime der Gegenwart erst noch registrieren und aufarbeiten müssen um sie zu anspruchsvollen zeitgenössischen islamischen Theologien weiterentwickeln zu können.

(Mein aktueller Beitrag für “Islam in Deutschland” auf SWRinfo – nachzuhören hier)

Antworten auf Einwände gegen die freiheitliche Auslegung von “Es gibt keinen Zwang in der Religion” (2:256)

Aus meinem Koran-Blog unter der Kategorie Glaubensfreiheit:

“Es gibt keinen Zwang in der Religion. (Der Weg der) Besonnenheit ist nunmehr klar unterschieden von (dem der) Verirrung. Wer also die Götzen (aṭ-Ṭāġūt) verleugnet, jedoch an Gott glaubt, der hält sich an der festesten Handhabe, bei der es kein Zerreißen gibt. Und Gott ist Allhörend und Allwissend.” (Sure 2, Vers 256)

لَا إِكْرَاهَ فِي الدِّينِ

قَد تَّبَيَّنَ الرُّشْدُ مِنَ الْغَيِّ

فَمَن يَكْفُرْ بِالطَّاغُوتِ وَيُؤْمِن بِاللَّـهِ فَقَدِ اسْتَمْسَكَ بِالْعُرْوَةِ الْوُثْقَىٰ

 (256) لَا انفِصَامَ لَهَا وَاللَّـهُ سَمِيعٌ عَلِيمٌ

Kommentar

Dieser Vers beginnt mit dem berühmten Satz “Es gibt keinen Zwang in der Religion” (lā ikrāha fi-d-dīn), der ein klares koranisches Plädoyer für universelle Glaubensfreiheit darstellt. Die Ablehnung von Zwang (ikrāh) ist ein gemeinsames Thema der medinensischen und mekkanischen Phase der Offenbarung des Korans (siehe 10:99). Unter Zwang ist hierbei zunächst eine Nötigung wider Willen zu verstehen, sei es mit oder ohne physische Gewalt. Die Formulierung ist klar und zugleich sehr allgemein gehalten und verbietet auf der Ebene des Wortlautes sowohl einen Zwang zur Annahme des Islams, als auch generell auch die Verwendung von Zwang in religiösen Angelegenheiten, also auch innerhalb der Religion. Weiterlesen

Männer und Frauen sind einander Gehilfen (Koran-Blog)

Aus meinem Koran-Blog in der Kategorie Mann und Frau: Emanzipatorisches:

“Die gläubigen Männer und Frauen sind einer des anderen Beschützer (oder: Gehilfen/Freunde). Sie gebieten das Rechte und verbieten das Verwerfliche, verrichten das Gebet und entrichten die Abgabe und gehorchen Gott und Seinem Gesandten. Sie sind es, derer Gott Sich erbarmen wird. Gewiss, Gott ist Allmächtig und Allweise.” (Sure 9, Vers 71)

وَالْمُؤْمِنُونَ وَالْمُؤْمِنَاتُ بَعْضُهُمْ أَوْلِيَاءُ بَعْضٍ

يَأْمُرُونَ بِالْمَعْرُوفِ وَيَنْهَوْنَ عَنِ الْمُنكَرِ

وَيُقِيمُونَ الصَّلَاةَ وَيُؤْتُونَ الزَّكَاةَ

وَيُطِيعُونَ اللَّـهَ وَرَسُولَهُ

أُولَـٰئِكَ سَيَرْحَمُهُمُ اللَّـهُ

(71) إِنَّ اللَّـهَ عَزِيزٌ حَكِيمٌ

Kommentar:

Dieser Vers ist hinsichtlich der chronologischen Reihenfolge der höchstwahrscheinlich letzte, der zum Verhältnis zwischen Männern und Frauen geoffenbart wurde. Geht man von der Annahme aus, dass generell die späteren Verse des Korans im Vergleich zu früheren neue Aspekte ins Spiel bringen, dann kann man daraus folgern, dass der Koran in der späten medinensischen Phase eine emanzipatorische Wendung vollzogen hat. Dieser emanzipatorische Charakter wird hervorgehoben durch

  • die auf Augenhöhe beschriebene Beziehung zwischen Mann und Frau (“… sind einander awliyâ /Freunde/Gehilfen/Beschützer”)
  • die gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe “das Rechte zu gebieten und das Verwerfliche zu verbieten”, also Verantwortung für die soziale ethische Ordnung zu übernehmen,
  • die Tatsache, dass diese Mann und Frau gleichstellenden Aspekte ohne jede einschränkende Bedingung genannt werden, im Unterschied zu den eher patriarchalisch geprägten Passagen des Korans wie in 4:34, in denen die Vorrangstellung des Mannes abhängig von Bedingungen formuliert wird,
  • die Nennung des Paradieses als gemeinsame Belohnung im Folgevers 9:72.

Von Erdoğan, Satire und den Folgen für viele türkische Jugendliche

Man muss Erdoğan nicht mögen

um zu erkennen,

dass das aktuell ausufernde Erdoğan-Bashing jenseits der analytischen Kritik

verheerende Auswirkungen

auf das Bild vieler junger Türkischsstämmiger von Deutschland hat und haben wird –

zum einen, weil viele auf der Suche nach einer starken Identifikationsfigur Erdoğan idealisieren und seinen Authentizität vor allem daran messen, wie groß der Hass ist, der ihm von Seiten seiner Gegner (zu der die meisten Deutschstämmigen und auch viele Türkischstämmige zählen) entgegen schlägt,

zum anderen, weil viele von ihnen das Erdoğan-Bashing persönlich nehmen, selbst wenn ihnen manches Verhalten von ihm auch peinlich ist. Weiterlesen

Nein zu den von Viren zersetzten Raubkopien des Islam: IS, Taliban, Boko Haram

Ich muss im Folgenden etwas persönlich werden und hoffe dabei auf eure Nachsicht…
 
Paris, Istanbul, Belgien, Bagdad und nun Lahore in Pakistan… Über sechzig Tote, ermordet von den Taliban, darunter viele Frauen und Kinder, die Zeit in einem Park verbrachten, viele Muslime und auch Christen, die dort wohl Osterfeierlichkeiten begehen wollten.
 
Wen auch immer dieser Terror trifft: Allah! Gnade ihrer Seelen! Wenn Du Ihnen vergibst, dann ist dies ein Zeichen deiner Weisheit und Macht…
 
Und verdamme die Seelen derer, die solche Massaker begehen, und die Seelen ihrer Gleichgesinnten, Hintermänner und Förderer weltweit.
 
Im Koran heißt es von manchen Arabern, die vor dem Islam aus selbstsüchtigen Gründen ihre eigenen Kinder töteten:
 
“Und ihre Götzen habe viele ihrer Anbeter dazu verlockt, ihre Kinder zu töten, um sie zu verderben und ihren Glauben zu verdunkeln…” (6:137)
 
Genau das sehe ich auch im IS und all seinen Seelenverwandten, zu denen auch die Taliban gehören, die für den Mord in Lahore verantwortlich sind: Religiöse Verführung bis zur Bereitschaft selbst die Unschuldigsten zu ermorden, mit dem Ergebnis, dass die Mörder sich selbst dem seelischen Verderben preisgeben und ihr letztes bisschen Glauben in ewige Dunkelheit hüllen.

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Von Vernunft und Herrschaftsverzicht

Stellt euch mal vor: Von einem Schlag auf den nächsten nehmen sich alle Menschen, die irgendwo Macht und Verantwortung haben, vor…

… sich jede Regung von Hass zu verbieten,

… auf alle noch so berechtigten Racheansprüche zu verzichten

… sofort auf Dialog auf allen Ebenen und mit allen Instanzen im eigenen Lager und in den anderen Lagern zu gehen

… auf die ihm gewährte Ausübung von willkürlicher Herrschaft über Ungefragte zu verzichten, sodass von den Geknechteten kein Widerstand mehr nötig ist

… nicht mehr nach der Identität des Gegenübers zu fragen, sondern ihn als Manifestation der selben Menschheit zu sehen, zu der er selbst auch gehört

… alle Güter, die ihm aus unverdienten Umständen heraus zufielen, gerecht unter den anderen zu verteilen und dabei keine Rechnungen auszustellen

… sich für die Lösung aller kleinen und großen Konflikte stark zu machen, selbst stets Teil von Lösungen und nie von neuen Problemen zu werden

… ein Rollenmodell für eine von Vernunft und Moral gesteuerte Persönlichkeit zu werden

… Kraft nur dort einzusetzen, wo jemand seine eigene Kraft gegen andere missbraucht

… den Krafteinsatz so rasch wie möglich wieder zu unterbinden

Was wäre das für eine Welt, wenn ein erheblicher Prozentsatz von Menschen in einer Gesellschaft quer durch alle Schichten sich vornehmen würde so zu denken und zu handeln?

Leider ist zu so viel ist die Fantasie vieler Gegenwärtiger nicht mehr ausreichend.

Irgendwas hindert sie davor aus Gedanken wie den obigen mal eine ernst zu nehmende Weltanschauung zu machen.

Eine dezentrale Ideologie, die keine politische Macht unter Kontrolle kriegen könnte, da sie der allen Menschen innewohnenden Vernunft entspringt.

Einer Vernunft, die in Kenntnis von all dem Übel ist, zu dem egoistische Unvernunft fähig ist.

Und darum sich der Selbstkritik stellt, statt erst die anderen zu kritisieren.

Stellt euch mal vor, die Vernünftigen aller weltanschaulichen Lager würden quer zu allen Fronten eine solche Entscheidung treffen und einen neuen Status Quo definieren.

Ist es denkbar, dass in so einer Welt weiterhin der Wahnsinn den Ton angibt?

Der Wahnsinn würde seine gesamte Existenzgrundlage verlieren – da sein Gegner neue Spielregeln definiert hat, die den Wahnsinn übertrumpfen, ihn überflüssig werden lassen.

Wieso ist Vernunft nicht in der Lage die selbe Kraft hervorzubringen wie der zerstörerische Wahnsinn?

Wieso organisiert sich Wahnsinn so rasch und wirksam, während Vernunft ständig einen Neustart benötigt, in der Unkoordiniertheit des Individualisten versiegt?

Wieso schämt sich Vernunft davor sich durch naive Utopien lächerlich zu machen, während Wahnsinn jedes Gefühl für Scham und Selbstkontrolle verloren hat und uns alle in die gelebte Distopie zu drängen versucht?

Wieso? Wieso? Wieso?

Über die deutsche Identität angesichts Kölner Zustände

Ich habe eine Vermutung: Kann es sein, dass in den Milieus von manchen der Köln-Grapscher (mal ganz unabhängig von deren erhöhten Alkohol- und Testosteronwerten) das Gerücht kursiert, dass man mit den Frauen in Deutschland alles machen kann, weil hier zinâ (außerehelicher Geschlechtsverkehr) nicht als harâm (religiös untersagt) deklariert ist?

Kann es sein, dass man in manchen Milieus glaubt, Frauen in Deutschland, die nachts auf die Straße gehen, seien im Grunde interessiert daran angemacht und begrapscht zu werden, weil ihnen jemand genau ein solches Bild von der Frau in Deutschland vermittelt hat?

Kann es sein, dass manche aus der Abwesenheit “strenger Brüder” bei vielen Frauen und dem Fehlen eines Jungfräulichkeitsideals in Deutschland folgern, dass damit auch eine Abwesenheit von Sexualmoral einherginge?

(Ferner: Kann es sein, dass man in manchen (irgendwie als muslimisch geltenden) Milieus glaubt, islamische Sexualmoral gelte nur für die Schwester, wobei der Koran doch Keuschheit für Mann und Frau zugleich fordert und den Männern gebietet allgemein ihre Blicke zu senken, d. h. das andere Geschlecht nicht einmal mit Blicken zu belästigen?)

Kann es sein, dass manche glauben, dass weil hier in Deutschland nicht die islamische Sexualmoral die Regel darstellt, es hier praktisch gar keine Sexualmoral gibt?

Wenn ja, dann ist die Vermittlung von fundierten kulturellen Kenntnissen an die Neuankömmlinge von essenzieller Bedeutung – und zwar in einer Sprache, die diese gut verstehen. Und die nicht darauf abzielt damit zu protzen, wie aufgeklärt, weltoffen und liberal ein jeder deutsche Bundesbürger ist (was eine Übertreibung wäre).

Hilfreich wären konkrete Benimmdichregeln mit einer gut nachvollziehbaren Erklärung von typischen Verhaltensweisen der Leute hier bei uns statt abstrakter Werte- und Grundsatzhuberei.

Konkrete sinnvolle Vorgaben statt symbolischer Gesten der Verachtung gegenüber vermuteten Kollektiven.

Und wichtig: Eine klare Darstellung, dass die Deutschen keine kulturell homogene Masse bilden.

Je mehr ich die Leute hier kenne, umso deutlicher wird mir, der ich mich eigentlich als “Deutschenkenner” verstehe, wie extrem verschieden Deutsche sein können.

Diese Feststellung ist zwar trivial – aber im interkulturellen Kontext ist sie ausgesprochen selten und lebenswichtig, hier also keineswegs trivial!

(Wir Muslime können einen langen und traurigen Blues über den Irrglauben der Außenstehenden an unsere innere Homogenität singen…)

Das vermittelte Wissen über den Deutschen muss also dem Neuling bei der Orientierung nützen. Alles andere ist Zeitverschwendung.

Aus vielen Gesprächen mit jungen Muslimen weiß ich, dass teils auch nach Jahrzehnten so manchem nicht Deutschstämmigen völlig schleierhaft ist, nach welchen moralischen Grundsätzen viele Menschen hierzulande eigentlich leben.

Insofern wäre es vielleicht an der Zeit einige Missverständnisse über die angestammt deutsche Mehrheitskultur anzupacken und sich für eine besseres Verständnis der deutschen Lebensweise(n) einzusetzen.

(bescheurte Zeitschriftencover und Nacktdemos anlässlich von Köln sind letztlich reine Selbstbeweihräucherung und bewirken mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit in den problematischen Milieus genau das Gegenteil von mehr “kulturellem Verständnis”)

Bereits eine kleine Umfrage unter ein paar jungen Muslimen (vor allem, wenn diese privat wenig im Kontakt zu Deutschen stehen) über ihr Bild vom Lebensinhalt der angestammten, säkular oder christlich geprägten Deutschen könnte für echte Überraschungen sorgen.

Mich würde es nicht wundern, wenn heraus käme, dass in der Wahrnehmung vieler muslimischer Jugendlicher “wahre deutsche Kultur” vor allem Nationalismus, Materialismus, Religionsfreindlichkeit, Kleinlichkeit auch bei den sinnlosesten Regeln und vor allem: grenzenlose Triebbefriedigung bedeuten würde.

Gerade das oft vermutete “deutsche Ideal” von grenzenloser Triebbefriedigung stellt oft die größte Identifikationshürde gegenüber “deutscher Kultur” dar.

(Ich weiß, dass das mit der “Triebbefriedigung als kulturelle Maxime”, aber auch mit der krassen “Religionsfeindlichkeit” so nicht zutrifft – ich weiß das aber nur aufgrund zahlreicher persönlicher Erfahrungen, trotz der medial inszenierten Popkultur und der öffentlichen Selbstdarstellung von deutschen und verhindert-deutschen “Patrioten”. Je mehr Muslime privaten Kontakt zu Nichtmuslimen haben, umso realistischer und differenzierter wird ihr Bild vom “Deutschen”)

Wie ich auf so eine krasse Einschätzung komme?

Nun, es ist nur ein Verdacht, der sich aus der Summe von vielen voneinander unabhängigen Gesprächen und innertürkischen sowie innerislamischen Diskursen speist.

Ich bin jetzt einfach mal so mutig und äußere diesen Verdacht – wenn er zutrifft, dann bedeutet das, dass dringend mehr Aufklärung über deutsche Kultur nötig wäre…

Integrationsprobleme haben oft auch etwas von falschen Vorstellungen von der Mehrheitskultur zu tun.

Das Problem daran ist freilich: Sind sich denn die Deutschstämmigen überhaupt so im Klaren darüber, wonach sie leben?

Können sie über ihre Praxis realistisch theoretisieren?

Wir nicht deutschstämmigen Muslime tun uns da unglaublich schwer. Wenn man uns etwas über Leben im Islam frägt, dann tendieren wir dazu nicht einfach das zu erzählen, was wir leben und erleben, sondern wir versuchen unser (meist zudem nicht einmal fundiertes) Idealbild vom islamischen Leben zu vermitteln, womit wir Missverständnisse nur verstärken.

(generell lässt sich selbst erprobter “Habitus” nur schwer für Außenstehende verständlich in Worte fassen, da Habitus gerade ein Nicht-in-Worte-Gefasstes ist und einer praktischen Logik nach ihren eigenen Gesetzen folgt)

Wenn ich auf die völlig abstrakten und weltfremden Grundsatzdebatten schauen, die viele Deutsche im Moment der Verunsicherung durch ihr-wisst-schon-was fordern oder forcieren, dann komme ich zum Ergebnis, dass der öffentliche deutsche Diskurs über das Deutsche zu sehr auf Extreme setzt (z. B. extreme Toleranz vs. extreme Islamfeindlichkeit) und sich daher nicht eignet ein realistisches Bild vom Deutschen in der Mitte zu gewinnen.

Das wiederum bedeutet, dass wir einen grundsätzlich anderen Diskurs über das Deutsche bräuchten. Die Denk-, Handlungs- und Interpretationsgewohnheiten der Deutschen (unter Berücksichtigung der inneren Vielfalt und vor allem: Widersprüchlichkeit) zu kennen ist für eine gelingende Integration der “anderen” viel entscheidender als abstrakte Grundsatzdebatten, die vor allem der Selbstbestätigung dienen sollen…

In diesem Sinne: Wer erklärt uns in verständlichen Worten, was hier in Deutschland gelebt, gedacht und gefühlt wird?

Was wir heute noch von Biruni lernen können

Vor ziemlich genau einem Jahrtausend lebte der persische Universalgelehrte Abu Rahyan Biruni. Er war in zahlreichen Disziplinen bewandert und produktiv – sei es Astronomie oder Medizin, die Geschichte der Religionen oder der Völker, Philosophie oder Chemie. Heute nach 1000 Jahren erscheinen mir seine Haltungen zu Welt, Gesellschaft und Religion noch immer aktuell, und wir können von ihm viel Inspiration schöpfen.

Besonders beeindruckend finde ich seine Position zur Vereinbarkeit von Religion und weltlicher Wissenschaft. So zitiert der gläubige Muslim Biruni gegen einige wissenschaftsfeindliche Religionsgelehrte seiner Zeit den Vers 191 der Koransure 3. Darin werden die Muslime beschrieben als jene, die über die Erschaffung des gesamten Universums nachdenken. Biruni deutet dies als Hinweis, dass sich Muslime mit allen Wissenschaften – nicht nur den religiösen – auseinandersetzen sollen, da sie das Leben des Menschen bereichern. Er plädiert auch dafür, Meinungen stets nur nach der Qualität der Argumentation und nicht nach der religiösen Identität ihrer Urheber zu beurteilen. Er begründet dies mit Sure 39, Vers 18, wo es von den Muslimen heißt, dass sie „auf das Wort hören und dann dem Besten davon folgen.“

Die großen Philosophen seiner Zeit sind ihm oft zu dogmatisch. Beispielsweise wenn Avicenna von Aristoteles die Ansicht übernimmt, dass es im Kosmos nur unsere eine Erde geben könne. Biruni argumentiert dagegen – und zwar theologisch. Er sagt, dass eine solche Behauptung die Allmacht des Schöpfers einschränken würde. Heute würde er mit seiner Idee von der Möglichkeit vieler Welten Recht bekommen.

Biruni blieb auch in Zeiten der politischen Krise offen und human gegenüber dem Fremden. Als Mahmud von Ghazna Indien eroberte, kritisierte Biruni zwar dessen hartes Vorgehen, nutzte aber die Gelegenheit, die Kultur und Religion der Hindus zu studieren. So lernte er Sanskrit und befand sich fortan als Muslim in einem intensiven und respektvollen Austausch mit den brahmanischen Gelehrten. Er übersetzte naturwissenschaftliche Werke aus dem Arabischen ins Sanskrit und verfasste zugleich eine heute noch relevante Darstellung der Kultur des damaligen Indiens.

Biruni zog seinen muslimischen Glauben dem der Brahmanen vor. Dennoch zollte er ihnen große Achtung. Er versuchte Ursprung und Sinn der indischen Lehren und Riten verständlich zu machen und zeigte unbefangen auf, worin die hinduistischen Brahmanen den Muslimen ihrer Zeit überlegen waren. Birunis Festigkeit in seiner eigenen Religion, seine Humanität und universale Bildung gaben ihm offensichtlich die nötige Stärke um dem Fremden in Respekt, Fairness und Neugier entgegenzutreten und diesem sogar Positives abzugewinnen – all dies sind Haltungen, von denen wir heute mehr denn je lernen können.

(mein aktueller Beitrag für “Islam in Deutschland” auf SWRinfo – http://swrmediathek.de/player.htm?show=ba2791f0-b5bd-11e5-a04b-0026b975e0ea)

Die Metaphysik des Schweins

Wie unrein ist das Schwein wirklich?

Wenn man das Tawhid-Prinzip des Islam gründlich durchdenkt, wird man wohl zum Ergebnis kommen, dass das Schwein im Koran nur als Speise des Menschen als unrein deklariert ist, und nicht als “Schwein an sich” (um mit Kant zu sprechen). Es ist ein rein relative Unreinheit, die nicht am Schwein, sondern am Verhältnis zwischen Schwein und Mensch liegt. Worin genau diese Unreinheit begründet liegt, bleibt koranisch offen. Das Verbot des Schweinefleischs gehört (soweit ich das begriffen habe) zu jenen Rechtsurteilen der Religion, die man taʿabbudī nennt, die also keine unmittelbar erkennbare Verbotsursache (ʿilla) aufweisen, sondern aus unserer Sicht wirklich reine Gehorsamsgebote sind. Viele andere Ge- oder Verbote des Islams hingegen lassen sich auf rational einsichtige Ursachen zurückführen. Wenn diese speziellen Ursachen entfallen, entfällt auch das Rechtsurteil (z. B. entfallen nach heute geläufiger und koranisch gestützter Lesart Kriegsgebote, wenn keine physische Aggression “von außen” vorliegt; wenn Wein zu Weinessig ist, ist das Verbot aufgehoben etc.)

Auf der anderen Seite wird man dann erkennen, dass das Schwein als Geschöpf ein schönes Wesen in dem Sinne ist, wie es im Koran von allen (!) Geschöpfen heißt, dass sie schön hinsichtlich ihrer Erschaffenheit sind. Im Schwein manifestieren sich ebenso Namen Gottes wie der Barmherzige, der Lebendigmachende, der Formgebende etc., sodass man sich gerade als Muslim davor hüten sollte etwas, dessen Verzehr (aus für uns unbekannten Gründen) für uns religiös untersagt ist als Un-Schöpfung darzustellen.

Das Schwein ist hinsichtlich seines Verweises auf seinen metaphysischen Ursprung schön.

Punkt.

Dass Feuer tödlich für uns sein kann, oder das vom Höllenfeuer die Rede ist, ändert nichts daran, dass Feuer eine segensreiche Schöpfung Gottes ist. In diesem Sinn wird man zum Ergebnis kommen, dass das Schwein nicht minder zu den Zeichen Gottes in der Natur zählt, wie alle anderen Geschöpfe auch.

Gelobt sei der, der die Arten vom Schwein bis zum Menschen als schön schuf und uns den Auftrag gab die Schöpfung als eine schöne zu erkennen und von hieraus eine Idee über die abstrakte Schönheit des Schöpfers zu gewinnen!

Es ist ein schönes Gefühl zu glauben, dass man in einem schönen Kosmos lebt, dass vom Gewürm bis zu den Galaxienhaufen alles schön ist, und dass es einen Blick hinter die Oberfläche der Dinge gibt, der auf mehr verweist als auf die rein praktische Struktur der Dinge.

Die Welt – als Gesamtheit und als Wesen an sich betrachtet – ist schön.

Trotz der Hässlichkeit, mit der wir sie zu zerkratzen suchen.

Angeraten sei dem menschlichen Schweineverachter daher zu überlegen, welches Wesen auf der Erde mehr Unheil anstiftet: Das friedliche Schwein, das seinen Schöpfungszwecken nachkommt, oder der ambivalente Mensch, hin und hergerissen zwischen der Rolle als Krone oder als dunkler Abgrund der Schöpfung…