Dürfen sich Muslime Juden und Christen zu Freunden nehmen?

In meiner Grundschulzeit waren alle Nationalitäten in meinem Freundeskreis vertreten: Deutsche, Italiener, Spanier, Portugiesen – allesamt Klassenkameraden, mit denen wir vormittags auf dem Pausenhof herumrannten und nachmittags entweder am C64 saßen und Giana Sisters spielten oder draußen die Gegend unsicher machten. Türken waren nahezu keine vorhanden. Mein bester Freund war ein Italiener. Er stand mir mit Fäusten bei, als mich zwei deutsche Klassenkameraden fast täglich auf dem Schulweg verprügelten – ich hatte ihren Zorn auf mich gezogen, als ich ihnen unüberlegt erzählt hatte, dass Türken viel mutiger seien als Deutsche. Einer von ihnen hat mich zwanzig Jahre später zu seiner Hochzeit eingeladen. Gelegentlich war ich bei dem Italiener daheim zu Gast beim Abendessen. Oft schlenderten wir vor Sonnenuntergang über die Felder und unterhielten uns über die Heimatstädte unserer Eltern oder über unsere Traumberufe. Er wollte damals Architekt werden und ich Arzt.

Meine Eltern schätzten meinen guten Kontakt zu meinen Klassenkameraden und ich hätte nicht gedacht, dass ich damit jemandes Missfallen erregen könnte – bis ich eines Tages von einem älteren Türken, der sich mit dem in den 90ern aufsteigenden politischen Islam in der Türkei identifizierte, etwas zu hören bekam, was mir das Blut in den Adern gefrieren ließ:

„Du kannst mit diesen Leuten nicht befreundet sein – denn im Koran steht: Nehmt euch nicht die Juden und Christen zu Freunden. Sie sind einander Freunde.“

Ich antwortete, dies könne doch nicht stimmen – bislang hatte ich vom Islam nur Dinge gehört, die ich schön fand, und meine Religion war mir sehr wichtig. Doch meine Freunde waren es mir auch. Und jeder Versuch mich innerlich von ihnen zu distanzieren brach mir das Herz. Ich erledigte das Thema für mich mit der resignierenden Feststellung, dass meine Freunde zwar Christen sind, dass ich mich mit ihnen aber viel besser verstehe als mit den wenigen türkischen Kindern, die ich damals kannte. Gott würde dafür Verständnis haben, dessen war ich mir sicher. Auch war ich mir sicher, dass irgendwas mit dem mir dargelegten Koranvers nicht so war, wie es mir der sendungsbewusste Bekannte vermittelt hatte. Leider war ich damals noch weit davon entfernt der Sache gründlicher auf den Grund gehen zu können.

(Hier geht es weiter)

Eine neofaktische Stinkefinger-Theorie

Manchmal scheint mir, das Haltbarkeitsdatum unserer Welt ist unbemerkt vor lauter „Debatten“ klammheimlich abgelaufen und eine kosmologische Kotzorgie braut sich über uns zusammen…

Dann habe ich keine Lust all das philosophisch und differenziert zu kommentieren…

Nur Lust den Hirntötern dieser Welt (mein Gott, es sind so viiiiele!) einen postfaktischen, oder noch besser: einen neofaktischen Stinkefinger entgegenzuhalten, ehe sie uns alle um das letzte bisschen Vernunft bringen…

Das wäre mein Therapievorschlag!

Am besten zur besten Mittagszeit vom Schlossplatz in Stuttgart aus, aus allen Himmelsrichtungen sichtbar, unmissverständlich und ohne jede allegorische Umdeutbarkeit…

Es ging mir schon lange nicht so…

Wenn sich alle Hoffnungsträger, klein und groß, der Reihe nach verabschieden, zu fanatischen Anhängern der Unvernunft konvertieren, sich alle für unfehlbar und makellos erklären und gekränkt sind, wenn man ihnen einen noch so kleinen Spiegel entgegenhält…

Und wer leidet? Die vielen Menschen, die etwas von diesen Hoffnungsträger auf den unterschiedlichsten Seiten hielten und erhofften.

Sie alle haben diese Idioten nicht verdient.

Am besten letztere einsperren bis zur vollständigen Genesung, ehe man ihnen je wieder ein Fünkchen Verantwortung für irgendwas überträgt…

Aber nein, das geht nicht…

Genau das ist doch die Methode der Unvernünftigen, oder?

Aber kein noch so kleiner Spiegel ist denen willkommen.

Was also tun?

Ganz einfach.

Wir bleiben einfach beim neofaktisch universalisierten STINKEFINGER, zur besten Mittagszeit, mitten vom Stuttgarter Schloßplatz aus!

Und gehen unserem Leben und unseren Pflichten nach, intensiver und leidenschaftlicher als bisher, und versuchen das Haltbarkeitsdatum der Welt durch eine Auffrischung der Reserven und durch einen Schulterschluss der Vernünftigen quer durch alle Ideologien, Parteien und Gruppen etwas zu verlängern.

Und wenn doch noch die kosmologische Kotzorgie losbricht – Gott bewahre! – dann bleibt uns wenigstens die Heiligkeit des guten Willens, die Hoffnung auf der richtigen Seite gestanden zu haben, nämlich auf gar keiner der aktuell angebotenen…

Ich bin so sauer, ey…

Evolution und Schöpfung – Tagung in Münster

Ich hatte kürzlich die Freude zusammen mit Dr. Michael Blume, Prof. Ulrich Lüke, Prof. Achtner, Prof. Dittmar Graf, Dr. Heinz-Hermann Peitz und Alexander Schmidt in Münster aktiv an einer Tagung zum Thema Naturwissenschaft und Religion (Schwerpunkt: Evolution) mitzuwirken. Nachdem ich in Lichtgeschwindigkeit aufgrund von diversen Krankheitsausfällen auf muslimischer Seite vom bloßen Teilnehmer zum muslimischen Hauptreferenten aufstieg, stellte ich unterwegs noch einen Vortrag zusammen, in dem es um muslimische Haltungen zur Evolutionstheorie, zum Thema „Naturwissenschaften im BW-IRU-Bildungsplan“ (s. Video, ab ca. 6:20), Occasionalismus (leider nur sehr knapp), Ghazalis Offenheit gegenüber naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, die Möglichkeit der metaphorischen Auslegung (ta’wil) der als „mutashabih“ geltenden Schöpfungspassagen des Korans (schon bei Ghazali), Mustafa Öztürks evolutionsneutraler Koranexegese, klassischen und modernistischen Positionen, zu den heutigen Vermittlungsschwierigkeiten zwischen islamischem Glauben und Naturwissenschaft und zu allgemein dem Glauben gegenüber offenen Perspektiven auf Seiten der theoretischen Physik ging.

Ich habe viel Interessantes über die innerchristlichen Debatten zu diesen Themen, aber auch zum Selbstverständnis naturalistischer Richtungen erfahren. Wir haben leidenschaftlich diskutiert über die Frage der intellektuellen Redlichkeit von Zweifeln an der Evolutionstheorie, über evolutionäre Schöpfungsmodelle (die in der (zumindest mitteleuropäischen) christlichen Theologie schon fast als Mainstream gelten können), über das christliche Trauma mit der Naturwissenschaft und über muslimisches Desinteresse am aktuellen Stand der naturwissenschaftlichen Forschung.

Bei Gelegenheit schreibe ich mal über all das.

In jedem Fall denke ich, dass diese Themen sicher viel mehr Muslime interessieren, und dass sowohl innerislamisch, als auch interdisziplinär hierzu viel mehr debattiert werden sollte.

Wenn ich noch konkreter werde, würde ich sogar sagen, dass die Frage nach dem Verhältnis zwischen Naturwissenschaft und Religion eine viel substanziellere und philosophisch weitreichendere Frage ist als die vielen anderen politisch gerahmten Streitthemen heute.

Ja, hier geht es wirklich um etwas Grundsätzliches, was nicht postfaktisch heruntergehandelt werden kann.

Hier geht es um Wahrheitsfragen, die alle Bereiche tangieren – darum bitte etwas mehr Ernst und Interesse für dieses Thema!

Und bitte mehr islamische Theologen, die sich für Naturwissenschaft interessieren!

(Zum Vergleich: Der christliche Theologe und Experte auf diesem Gebiet Philip Clayton meinte mal auf einer anderen Tagung, dass jemand, der vernünftig im Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaft tätig sein möchte, in zwei naturwissenschaftlichen Traditionen, in zwei theologischen Traditionen und in der vergleichen Philosophie grundlegend bewandert sein solle. Ich meine, dass dies für den Ernst des Themas eine plausible Forderung ist.)

Für mich persönlich als gläubigen Muslim und theoretischen Physiker geht es hier um eines der für mich wertvollsten Beschäftigungen überhaupt, nämlich um das Nachdenken über Allah als schöpferischer Instanz, die in den Regelmäßigkeiten der Natur an jedem Ort und zu jeder Zeit manifest ist.

Natürlich habe ich auch die Gelegenheit nicht ungenutzt gelassen Herrn Graf, der eine Studie zu Lehrermeinungen zur Evolutionstheorie durchgeführt hatte, meine Kritik an Michael Schmidt-Salomons akademischem Inquisitionsaufruf gegen muslimische Lehrkräfte, die nicht an die Evolutionstheorie glauben, entgegenzutragen, da die Herren Graf und Schmidt-Salomon immer wieder kooperieren.

Herr Graf machte mir glaubhaft, dass er selbst unglücklich darüber ist, dass sein Name mit den Äußerungen von Schmidt-Salomon in Verbindung gebracht wird, was ich ihm glaube.

Nicht, dass ich es als gläubiger Naturwissenschaftler für einen klugen Standpunkt hielte die Evolutionstheorie pauschal abzulehnen. Ich finde vielmehr: Das mindeste, was höhere islamische Bildung hierzu leisten sollte, ist es ein oder zwei islamisch reflektierte Modelle evolutionärer Schöpfung zu kennen und weiterzuentwickeln.

Nur halte ich es für einen ebenso unklugen Standpunkt Leuten, die aus welchen Gründen auch immer nicht an eine Evolution des Lebens und vor allem des Menschen bzw. zum Menschen glauben, ihre Vernunft oder Tauglichkeit als Lehrer abzusprechen, wie es Schmidt-Salomon kürzlich auf unschöne Art tat.

Dialog hin oder her (ich unterstütze den Dialog vollauf): Jedem muss es freigestellt bleiben, ob er ein vollständig evolutionäres Schöpfungsmodell vertreten möchte, oder ob er vom Regelablauf abweichende Momente des Schöpfungsgeschehens annimmt, wie es viele Muslime (aber auch Christen weltweit) tun, ohne dadurch zu schlechteren Menschen zu werden. Beides lässt sich meines Erachtens islamisch legitimieren.

Naturwissenschaftlich nahe liegender und mit einem „aufgeräumten“ Schöpfungsmodell kompatibler sind vermutlich die evolutionären Modelle.

Ungünstig erscheint mir jedenfalls das auch heute noch verbreitete Modell des „Lückenbüßergottes“, der immer dann hervorgezogen wird, wenn aktuell ein Phänomen nicht naturgesetzlich erklärt werden kann. Die historische Erfahrung zeigt, dass eine solches Gottesbild sehr schnell schon den Rückzug gegen die Naturwissenschaft antritt. So ist es über viele Jahrhunderte geschehen – weil Schöpfung oft interventionistisch, statt kontinuierlich und „eutaxiologisch“ ( = schöngesetzlich) gedacht wurde.

Viel schöner erscheint mir die Vorstellung eines erstaunlich lebensfreundlich geschaffenen Kosmos (oder gar eines solchen Multiversums), in dem Gott in jedem Moment über mathematisch ausgezeichnete Gesetzmäßigkeiten die Schöpfung fortstrickt und dabei sowohl die ganze Vielfalt der Dinge hervorbringt, als auch dabei in jedem Moment die mathematische Eleganz der fundamentalen Wechelwirkungen gelten lässt, da es die Manifestionen seiner Namen selbst sind, die hier Struktur und Ordnung hervorbringen.

Er könnte natürlich auch von seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten abweichen. Nichts würde ihn daran hindern.

Es ist aber nicht undenkbar, dass diese auch in so besonderen Kontexten wie der Erschaffung des Menschen, der Erde, des Sonnensystems etc. berücksichtigt bleiben.

Ich verweise an dieser Stelle auch gerne auf meinen Auslegungsvorschlag (Achtung, es ist wirklich nur ein Vorschlag) der 6-Tage-Schöpfung, der ebenfalls von einer Kongruenz göttlichen Schöpfungshandelns (dem Koran folgend) und phänomenologischer Naturgesetzlichkeit ausgeht ( http://blog.andalusian.de/6-tage-schoepfung-2/ ). Wenn das Sonnensystem ohne Bruch mit der Naturgesetzlichkeit geschaffen werden kann, dann könnte dies auch bei der Erschaffung der Menschheit der Fall sein.

Sehr gerne erinnere ich hier auch an die Metapher der Kalam-Theologen für Naturgesetze: „Gewohnheiten Allahs“. Wenn jeder Punkt im Raum in jedem Moment von Gott neu geschaffen (bzw. aktualisiert) wird, dann ist alles Schöpfung, in jedem Moment. Wichtig ist dann nur noch, DASS der Mensch existiert und von Gott im Sein gehalten wird, und nicht das genaue Vorgehen, wie Gott den Menschen in Abgrenzung von den affenähnlichen Australopithecinen erstmals hervorgebracht hat.

Zu all diesen Fragen (weniger zur Evolution, mehr zur theoretischen Physik) habe ich aktuell einige Texte in Arbeit.

Aber wie gesagt, die Naturwissenschaft ist kein Dogma, sondern ein rationales Angebot, dem auch rational widersprochen werden darf. Nur dadurch behält sie ihre große natürliche Autorität und Anziehungskraft.

Die Würde der Naturwissenschaft braucht keine Inquisition und auch keinen Zensor – insbesondere auch nicht in Form sendungsbewusster Naturalisten.

Kommunikation mit muslimischen Schülern (SWRinfo)

Ich bin seit einigen Jahren in der Lehrerausbildung tätig. Hierbei werde ich immer wieder mit Fragen zum Verhalten von muslimischen Schülern konfrontiert. Viele Situationen, die mir geschildert werden, ähneln sich dabei und weisen verwandte Schwierigkeiten auf. Ein Beispiel, an dem man gut Grundsätzliches erklären kann, war die Frage, warum manche muslimische Schüler in Deutschland die Schweigeminute für die Opfer der IS-Anschläge in Paris vom November 2015 boykottierten. Einige Lehrerkollegen befürchteten sogar schon extremistische Weltanschauungen bei ihren Schülern.

Auch wenn dies in wenigen Einzelfällen vielleicht hätte zutreffen können: In den meisten Fällen ging es hierbei um etwas Anderes, nämlich um eine Verunsicherung der Schüler hinsichtlich ihrer muslimischen Identität. Denn über das wichtige Zeichen der Solidarität mit den Opfern hinaus stellten sie sich die Frage, wer in dieser sensiblen Situation, die auf das Konto muslimischer Terroristen geht, indirekt mit verurteilt wird. Dies sollte vorweg ausgesprochen werden, um die muslimischen Jugendlichen im Klassenzimmer ausdrücklich davon auszunehmen.

Leider erfahren viele junge Muslime schon früh, dass Viele in Deutschland nicht nur die Extremisten im Islam als Problem sehen, sondern die Muslime oder den Islam generell. Und dies belastet die Identifikation muslimischer Jugendlicher mit Deutschland. Viel zu selten bekommen sie die Zuversicht zugesprochen, dass es sehr wohl eine legitime islamische Identität auch innerhalb der deutschen Gesellschaft geben kann, und dass sie Kulturen kombinieren und ihre eigenen Synthesen schaffen dürfen. Aber genau diese Zuversicht sollte ihnen die Schule geben.

Doch was könnte man dazu in einer Situation wie nach Paris oder kürzlich nach Berlin konkret anders machen? Vor dem gemeinsamen Gedenken der Opfer von Paris hätte man etwa erwähnen können, dass dieselbe Terrorsekte, die in Paris gemordet hat, noch am Vortrag in Beirut und einen Monat davor in Ankara ähnlich brutale Anschläge verübte, und zwar beide Mal auf Muslime. Damit wird verdeutlicht, dass sich die Solidarität der Idee nach ebenso auf muslimische Kontexte bezieht, auch wenn offiziell leider nur an Paris gedacht war. Die Lehrkraft kann so auch verhindern, dass sich Muslime in der Klasse indirekt mit beschuldigt fühlen. Die Botschaft lautet dann: „Heute müssen wir alle, Deutsche, Araber, Türken, Christen, Muslime, Säkulare uns zusammenschließen gegen den Terror der Irrsinnigen gegen uns alle, gleichgültig ob die Terroristen heute IS, NSU oder sonst wie heißen!“

Nicht Tabuisieren, sondern Kontextualisieren lautet also die Devise. Nicht Verschweigen, sondern pädagogisch inkludierend Kommunizieren. Auch der ausdrückliche Hinweis durch die Lehrkraft, dass muslimische Stimmen aller Couleur sich in aller Deutlichkeit gegen den Terror im Namen des Islam ausgesprochen haben und aussprechen, kann in der aktuellen Stimmung für alle nur heilsam sein.

(Mein Beitrag vom 13. Januar 2017 für „Islam in Deutschland“ auf SWRinfo)

Von der mathematischen Eleganz der fundamentalen Naturgesetze

Eine Ode an die „unverhältnismäßige Wirksamkeit der Mathematik in den Naturwissenschaften“ (E. Wigner) – am Beispiel der Symmetrien in den fundamentalen Eichtheorien

1. Einleitung

Ich möchte hier eines der für mich faszinierendsten Rätsel der Philosophie der Mathematik vorstellen, nämlich die Frage nach dem Ursprung der „unverhältnismäßigen Wirksamkeit der Mathematik in den Naturwissenschaften“, wie ein berühmter Artikel des theoretischen Physikers Eugene Paul Wigner zu diesem Thema heißt.

In diesem Beitrag sollen dabei weniger die philosophischen Antwortversuche auf diese Frage im Mittelpunkt stehen, sondern das verwunderliche Phänomen selbst, um zu zeigen, wie tief dieser Frage heute reicht – und dass sie sich umso schärfer stellt, je erfolgreicher unsere Theorien von der Welt werden. Mein Ziel wäre erreicht, wenn dieser Text Leser zu eigenen Erklärungsversuchen anregt, eine sachliche Grundlage für die Einarbeitung in die philosophischen Positionen bietet, oder zumindest eine neue und interessante Perspektive auf die uns umgebende Welt vermittelt. Der Beitrag ist wie folgt aufgebaut:

1. Einleitung
1.1 Die vier fundamentalen Wechselwirkungen in der Natur
1.2 Die mathematischen Symmetrien der fundamentalen Eichtheorien
1.3 Die beiden Grundfragen
2. Symmetrieprinzipien in der Küche, oder: wie sucht Hausmann Klaus verschwundene Bohnen?
3. Die Grundgleichungen der Naturgesetze als mathematische Palindrom-Sätze
4. Die Grundidee der Lorentzsymmetrie in der speziellen Relativitätstheorie
5. Vielfältige Materiestruktur dank Lorentzsymmetrie der Dirac-Gleichung
5.1 Die Klein-Gordon-Gleichung
5.2 Die Dirac-Gleichung
5.3 Die Dirac-Gleichung sagt einen Teilchenspin voraus
6. Antimaterie
7. Lokale Eichsymmetrie gebiert Elektrodynamik
8. Ein philosophischer Ausblick

Anhang 1: Inspirierende Abschlusszitate
Anhang 2: Positionen in der Philosophie der Mathematik
Literatur
Fußnoten

Wir wollen hier die Rolle der Mathematik für die allgemeinste und grundlegendste aller Naturwissenschaften betrachten, nämlich für die Physik. Innerhalb der Physik wiederum geht es um die etablierten Theorien zur Beschreibung der bekannten vier fundamentalen Wechselwirkungen in der Natur. Damit sind vier grundlegendsten Weisen gemeint, wie die kleinsten Teilchen, aus denen die Welt besteht, aufeinander reagieren, wie sie Anziehungs- und Abstoßungskräfte aufeinander übertragen und wie sie somit letztlich auch die Struktur der Welt im Großen bestimmen. Wir wollen skizzieren, wie in den Grundgleichungen dieser Theorien aus rein mathematischen Eleganzforderungen auf der einen Seite die Physik der Antimaterie, des Teilchenspins und des Elektromagnetismus auf der anderen Seite geradezu heraussprudelt – allesamt Phänomene, über die gar keine Informationen in die Gleichungen hineingesteckt worden waren, und die teilweise experimentell überhaupt nicht bekannt waren.

Bei diesen Theorien handelt sich dabei um die erfolgreichsten, die der menschliche Geist je hervorgebracht hat, wenn man unter erfolgreich versteht, dass sie nicht nur sehr viele sehr unterschiedliche Phänomene erklären, präzise beschreiben und auf eine gemeinsame theoretische Basis stellen, sondern zugleich auch neue Phänomene vorhersagen. Dass diese oft viele Jahre oder Jahrzehnte später experimentell bestätigt werden konnten – oft in detailgetreuer Übereinstimmung mit den theoretischen Vorhersagen –, zeigt, dass diese Theorien nicht nur das Bekannte zusammenfassen, sondern auch in bislang verborgene Bereiche der Welt vordringen. Das bedeutet, dass diese Theorien beim Versuch der theoretischen Erfassung der Welt irgendwas in einem ganz grundsätzlichen Sinn „richtig“ machen.

1.1 Die vier fundamentalen Wechselwirkungen in der Natur

Die vier von diesen Theorien beschriebenen Wechselwirkungen, die fundamental für die gesamte uns bekannte Natur sind, sind heute bekannt als:

  • die Gravitation, die von den größten kosmischen Maßstäben herab bis hinunter zu unserer irdischen Erfahrungswelt die dominierende Kraft darstellt, beschrieben durch Einsteins allgemeine Relativitätstheorie (ART)
  • der Elektromagnetismus, der die Struktur der Welt von den planetarischen Maßstäben bis tief in die Atomhülle hinunter ordnet, beschrieben durch die Quantenelektrodynamik (QED)
  • die starke Wechselwirkung, die die Bestandteile des Atomkerns strukturiert, beschrieben durch die Quantenchromodynamik (QCD)
  • die schwache Wechselwirkung, die ebenfalls im Atomkern relevant ist und bei sehr hohen Materiedichten auch makroskopisch relevant wird (die mit der Quantenelektrodynamik vereint in der Theorie der elektroschwachen Wechselwirkung dem Glashow-Weinberg-Salam-Modell (GSW-Modell) beschrieben wird)

Hier geht es weiter zum Haupttext.

Was tun mit dem Koranvers 9:5 und anderen koranischen Tötungsaufforderungen?

Im Deutschlandfunk ist ein lesenswertes Interview mit dem Islamwissenschaftler und Juristen Mathias Rohe erschienen (hier), in dem eine „Islambilanz“ 2016 gezogen wird. Darin wird Rohe folgende Frage gestellt:

„Bei uns geht viel Post zum Thema Islam ein und meistens negative. Ich habe einige Hörer, die uns – dem Deutschlandfunk – eine zu islamfreundliche Berichterstattung vorbeworfen haben, darum gebeten, mir Fragen zu schicken, die ich Ihnen dann stelle. Ein Hörer bezieht sich auf Sure 9 Vers 5, darin heißt es: „Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, und ergreift sie und belagert sie und lauert ihnen aus jedem Hinterhalt auf.“ Jetzt fragt dieser Hörer: Woher nehmen Islamwissenschaftler die Vollmacht, die aktuelle Gültigkeit dieser und anderer zum Töten auffordernder Suren für obsolet zu erklären und woher nehmen Sie die Überzeugung, dass diese Beurteilung als allgemein verbindlich im Islam auch umgesetzt wird – einschließlich des Handeln der Akteure? Darin steckt wohl der Vorwurf, dass Sie da was schön reden.“

Rohe verweist in seiner Antwort zum einen darauf, dass es wichtig ist zu schauen, wie die „allermeisten Muslime“ heute diesen Vers verstehen. Mein Tipp: Wer es genau wissen will, kann sich in der nach wie vor maßgeblichen Linksammlung von Serdar Güneş darüber informieren, wie sich das erdrückende Gros der Muslime gegen die pseudo-theologischen Verrenkungen des internationalen Terrorismus positioniert hat. Zum anderen erklärt Rohe, dass die meisten Muslime heute Verse wie 9:5 in einen gut rekonstruierbaren historischen Kontext stellen und somit nicht universalisiert lesen.

Ich finde Rohes Antworten wichtig, und möchte sie gerne ergänzen um ein einfaches, aber aus meiner Sicht mindestens so wichtiges Argument, nämlich das des textuellen Zusammenhangs, der deutlich macht, dass 9:5 nie eine universelle Norm intendierte, sondern von einem defensiven Kontext ausgeht, also dem selben wie praktisch alle Kriegspassagen im Koran. Darum gibt es hier keinen Freibrief zum Töten zu holen, ebensowenig einen Nachweis für eine kategorische Gewaltbereitschaft des Islam. Und dies gilt trotz der Tatsache, dass Sure 9 die am spätesten verkündeten und zugleich wohl auch deutlichsten Kriegspassagen des Korans enthält.

Eine solche in sich kontextualisierende Lesart des Korans ist kein Notbehelf von Muslimen der Gegenwart, sondern hat einen festen Platz auch in der klassischen Koranhermeneutik. Für meine unten vorgetragenen Argumente braucht man also nicht einmal einen wirklich neuen hermeneutischen Zugang zum Koran. Man muss einfach nur einige Konzepte der exegetischen Tradition konsequent anwenden, was hinsichtlich unseres Themas leider nicht allen Korankommentatoren gelang. Klassische Stichworte lauten hier beispielsweise „Auslegung des Korans durch den Koran“ und „Spezifizierung universeller Wortlaute durch einschränkende andere Passagen“ (zu den technischen Details vielleicht später mehr).

Konkret auf Sure 9 angewandt:

  1. Gleich im Folgevers 9:6 heißt es: „Und wenn einer der Götzendiener bei dir Schutz sucht, dann gewähre ihm Schutz, bis er Gottes Worte (also die Botschaft des Koran) vernehmen kann; hierauf lasse ihn den Ort seiner Sicherheit erreichen. Dies (soll so sein), weil sie ein unwissendes Volk sind.“ Einem absoluten Tötungsgebot würde sicher nicht ein solcher Vers folgen, der jedem Götzendiener ein Asyl mit Rückkehrgarantie zusichert. Also ist 9:5 nicht absolut gemeint.
  2. In 9:10 heißt es von den Gegners aus 9:5: „Sie beachten gegenüber einem Gläubigen weder Verwandtschaftsbande noch (Schutz)vertrag.“ Offensichtlich geht die gesamte Passage also davon aus, dass eine (historische) Gegenseite einen Friedensvertrag mit den Muslimen brach.
  3. Dies wird in 9:13 noch deutlicher, da dort die gemeinten Gegner konkretisiert werden als jene, „die ihre Eide gebrochen haben und vor hatten, den Gesandten zu vertreiben, wobei sie zuerst gegen euch (mit Feindseligkeiten) anfingen.“ (9:13). Kriegsgrund ist demnach also weder der Götzendienst des Gegners, noch religiös aufgeladene Kriegslust, sondern ein klar artikulierter Kriegsbeginn durch den Gegner.
  4. In 9:36 heißt es unser Defensivszenario nochmals bestätigend: „Und bekämpft die Götzendiener allesamt, wie sie euch allesamt bekämpfen.“ Sure 9 geht also von einem Situationskontext aus, in dem eine Gruppe von Götzendienern als Gesamtheit gegen die Muslime zu Felde zieht, also als ein koordinierter Bund, auf den der Prophet und seine Gemeinde wiederum im Bund reagieren sollen. Die exegetische Literatur hält in der Tat Berichte über ein solches Ereignis im 9. Jahr nach der Hedschra parat, in dem von einem gleichzeitigen Friedensvertragsbruch einiger heidnischer Stämme auf der arabischen Halbinsel berichtet wird, während Medina ungeschützt war.

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Menschenrechte und Scharia

Liebe Leserinnen und Leser meines Blogs,

auf meinem Blog tut sich aktuell einiges – ich bin dabei eine Reihe umfangreicherer Textprojekte zum Themenbereich „Der Islam in der Moderne“ als statische Seiten einzurichten, die theoretisch fundiert und leicht zu finden sein sollen. Ich will hier möglichst viel von dem abarbeiten, was mich selbst sein nunmehr über 20 Jahren umhertreibt. Gleichzeitig soll dies auch den Zwischenstand meiner eigenen Reflexionen wiedergeben. Im Idealfall sollen diese Text eines Tages miteinander vernetzt werden und so etwas wie einen größeren Zusammenhang sichtbar machen. Als Schmankerl will ich auf meinem Koran-Blog (Was? Ihr kennt noch nicht meinen Koranblog? Hier lang bitte.) die relevantesten, interessantesten und umstrittensten Koranverse zu diesen und anderen Themen ebenfalls möglichst systematisch darstellen.

Mein Wunschtraum ist es so zu einer „Theorie eines zeitgenössischen Islamzugangs“ an der Schnittstelle zwischen Theologie, Philosophie und weiteren säkularen Wissenschaften beizutragen.

Aktuell sind meine umfangreicheren Projekte über die obere Menüleiste abrufbar. Sobald ich zudem noch alle relevanten Texte meines alten Blogs hierher übertragen habe, dann gibt es nur noch einen einzigen andalusian-Blog, und nicht mehr zwei (neu und alt) wie jetzt.

Hier möchte ich nun auf eine Grundlagenstudie von mir zur Frage der Vereinbarkeit von Menschenrechten und Scharia hinweisen. Ihr findet den Text oben unter „Vom Islamischen“ als „Die Menschenrechte und die Scharia“ bzw. direkt verlinkt auch hier.

Diese Studie ist insgesamt von eher deskriptiver und formaler Art – für eine konkrete Positionsbestimmung zum Verhältnis von Islam und deutschem Grundgesetz siehe hier.

Für Feedbacks und Anregungen – zu diesem Text, aber auch für künftige – bin ich sehr dankbar. Auch würde ich davon profitieren, wenn ihr mich auf Navigationsschwierigkeiten und andere Probleme auf dieser Seite aufmerksam macht.

Dies ist übrigens der Inhalt des Textes zu den Menschenrechten und der Scharia:

       Einleitung

2           Die Menschenrechte
2.1            Zwei Varianten der Geschichte der Menschenrechte
2.1.1             Die klassische Version der Geschichte der Menschenrechte
2.1.2             Die revidierte Version der Geschichte der Menschenrechte
2.1.3             Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10.12.1948
2.2            Geltungsanspruch und Generationen von Menschenrechten
2.3            Begründungsproblematik der Menschenrechte
2.4            Lösungsvorschlag zu Begründungsproblematik

3           Die Schari
a
3.1            Bereiche der Scharia
3.2            Die Wissenschaft von der juristischen Scharia
3.3            Mögliche Konfliktbereiche zwischen den Menschenrechten und der Scharia

4           Strategien zum Umgang mit Konfliktbereichen zwischen den Menschenrechten und der Scharia.
4.1            Pragmatische Lösungsansätze
4.1.1                 Gleichgültigkeit, Dualismus und partielle Praxis
4.1.2                 Scharia auf „ideale islamische Gesellschaft“ vertagen
4.1.3                 Pragmatisch-selektive Scharia
4.2            Totale Lösungen
4.2.1                 Vollständiger Schariaverzicht
4.2.2                 Scharia statt westlicher Menschenrechte
4.3            Systematisch priorisierende Lösungen
4.3.1                 Islamisch glauben, westlich Recht sprechen: die türkische Lösung
4.3.2                 Menschenrechte unter Schariavorbehalt: die Kairoer Menschenrechtserklärung
4.4            Gesellschaftliche Rahmenmodelle als immanente Regulative
4.4.1                 Minderheitenstatus als rechtliches Regulativ
4.4.2                 Orientierung am Vertrag von Medina
4.5            Kompatibilistische Modelle – Neuauslegungen der Scharia
4.5.1                 Hinterfragung der Authentizität bzw. Universalität von Überlieferungen
4.5.2                 Philologisch-modernistische Neuauslegungen
4.5.3                 Historisierende und kontextualisierende Ansätze

5           Ausblick

Anhang A: Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
Anhang B: Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam
Anhang C: Die islamische Charta des ZDM
Anhang D: Die Urkunde von Medina (türkisch)

Literatur
Internetquellen

Wie man hieran sehen kann, sind die Unterkapitel alle nunmehr im Inhaltsverzeichnis der umfangreicheren Texte von mir verlinkt – das macht die Text zwar nicht kürzer, aber hoffentlich leserfreundlicher.

In diesem Sinne…

Was tun bei S-Bahn-Prügeleien zwischen Punks und Kanaken? (Für Fortgeschrittene)

Neulich stieg Arif an einem Freitag Abend in die Stuttgarter S-Bahn und ärgerte sich über laute Jugendliche, die sich in der Bahn mit diversen Alkoholika vollaufen ließen – trotz des ausgeschriebenen Verbots von Alkoholkonsum in öffentlichen Verkehrsmitteln. In seinem Rucksack schleppte er schon den ganzen Tag ein Buch über kulturelle Identität und seinen Laptop mit sich herum, auf dem er in freien Minuten Texte über Identitätsfragen schrieb. Nach dem Umsteigen stand er am Ende eines vollen S-Bahn-Wagens. Auf den einander zugewandten Sitzmöglichkeiten auf der linken und rechten Seite des Zuges wechselten sich von Haltestelle zu Haltestelle junge Fahrgäste ab.

Zuletzt hatte sich ein korpulenter Punk mit zwei Mädchen auf die linke Bankreihe gesetzt. Arif dachte sich, dieser Punk hätte gut als Ausstellungsstück in die aktuelle Ausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie über Menschenbilder aus verschiedenen den Jahrhunderten gepasst. Interessiert zählte er seine Gesichtspiercings und studierte seinen ehrwürdigen, in Violett- und Rosatönen schillernden Irokesenschnitt. Auf seinem Rücken prangte ein großer Aufnäher, auf dem ein Hakenkreuz abgebildet war, das in einen Mülleimer geworfen wurde. Der Punk hieß Marcel – und war betrunken genug, dass ihm nicht auffiel, dass Arif ihn von der Seite musterte.

Beim nächsten Halt sollte sich die gegenüberliegende Bankreihe ebenfalls füllen. Herein kamen drei junge Südländer mit Halsketten und sportlichem Outift und. Erst dachte Arif, das sind bestimmt Türken, bis er bei zweien, nämlich Özgür und Murat, Halskettenanhänger mit Kurdistanumrissen erblickte. Aha. Kurden waren das also. Sie konnten aber sicher auch Türkisch. Der dritte der Runde hieß Zamir und hatte kurzes blondes Haar. Weiter hinten saß noch ein Italiener names Alfonso, der später noch eine Rolle spielen wird. Özgür und Zamir setzten sich auf die rechte Bankreihe.

Und was tat Murat?

Na, was wohl!

Er stellte sich genau in die Mitte des Wagens, griff nach zwei Halteschlaufen an der Decke – und begann Klimmzüge zu machen. Eins, und zwei, und drei, und vier… Marcel und die beiden Mädchen auf der einen, Zamir und Özgür auf der anderen Seite sahen dem Treiben zu. „Ein Überzeugungskanake durch und durch – wenn das mal gut geht“, dachte sich Arif.

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Von Zeit und Vergänglichkeit (SWRinfo)

Es war ein denkwürdiger Sommer für mich – zum ersten Mal seit vielen Jahren besuchte ich Kırşehir, die türkische Heimatstadt meiner Eltern. Diese Stadt war in meiner Kindheit für mich und meine Geschwister ein legendärer Ort – hier lebten unsere Verwandten, die wir jedoch nur alle zwei Jahre für vier Wochen zu Gesicht bekamen. So ergab es sich, dass ich schon als Kind abzuzählen begann, wie oft ich noch meinen Cousins, die mich durch eine abenteuerliche Welt führten, so begegnen würde, wie ich sie kennengelernt hatte. Nämlich als Kinder.

Dass diese gemeinsame Zeit nicht mehr allzu lange dauern würde, veranlasste mich, jeden Moment mit ihnen intensiv zu genießen. So wurde auch das gemeinsame abendliche Lauschen der Geschichten, die die Großen im Garten unter freiem Sternhimmel und bei raschelndem Laub der Maulbeerbäume erzählten, zu Augenblicken, in denen die Zeit still stand und die Nacht magisch wurde.

Aus Kindern wurden sehr bald Erwachsene, die nie mehr so unbeschwert zusammenkommen würden. Willkommen in der Welt der Großen! Meine unveränderlich geglaubten Großeltern sind inzwischen gestorben und nun auf einem stillen Hügel Kırşehirs begraben. Von diesem Hügel aus zeigt sich die Welt in einem anderen Licht. Es ist ein schwer greifbarer Ort, dessen stille und geduldige Sprache ich mir durch meinen Glauben verständlich zu machen versuche.

Was ist, wenn die Welt und all die Menschen, die kommen und gehen, kurze Verkörperungen von etwas Ewigem und Guten darstellen? Im Koran, Sure 28, Vers 88, heißt es von Gott „Alles wird untergehen, außer seinem Angesicht.“ Was ist, wenn diese Welt eine Struktur gewordene und wandelhafte Reflexion seines Angesichts darstellt? Die Sufis prägten ein Verständnis von der Welt als dem Erscheinungsort der ewigen Namen Gottes. Die Seele des Menschen, sagen sie, sei ein Ort, der sich diesen Namen öffnen müsse, um ihr wahres Wesen zu erkennen und zu verwirklichen.

Wenn Gott eins ist, dann kann man auch Werden und Vergehen als zwei gleichermaßen legitime Gesichter derselben Sache sehen. Unsere Welt wird dann durch Bejahung der ihr innewohnenden Endlichkeit zwar fremdartiger, aber nicht sinnloser. Denn dieser Blick setzt Sein nicht mit aktuell erlebter Gegenwart gleich.

Im Wissen Gottes sind laut den muslimischen Theologen Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen präsent. Vielleicht hat diese zeitlose Perspektive sogar eine physikalische Seite, wie etwa im Modell des Blockuniversums, in dem die vielen Momente der Zeit wie auf einer Filmrolle gleichzeitig real sind. Demnach ist es erst unser Bewusstsein, in dem eine Trennung von Vergangenheit und Zukunft stattfindet. Mich beflügelt jedenfalls der Gedanke, dass meine Großeltern in ihren Phasen als Kind, als Jugendliche und als gealterte Greise gleichermaßen auch heute existieren, wenn auch in einem abstrakteren Sinn. Und dass ich auch heute keinen großen Schritt von der Welt meiner Kindheit entfernt bin, wenn ich nachts unter freiem Sternhimmel sitze und mir Gedanken über diese Dinge mache.

(Mein Beitrag für „Islam in Deutschland“ auf SWRinfo vom 7. Oktober)

Wie interpretieren Muslime den Koran? (SWRinfo)

Lesen gläubige Muslime den Koran? Ja, was sollten sie denn sonst lesen! Und buchstabengetreu befolgen wollen sie ihn! Denn schließlich ist er für die Muslime das unverfälschte Wort Gottes – so oder so ähnlich klingt eine ganze Reihe an Mutmaßungen über den muslimischen Umgang mit dem Koran.

Da muss es als Skandal anmuten, dass weder die Koranlektüre, noch eine intensive Auslegungsarbeit zur religiösen Praxis der meisten Muslime gehört. Vielmehr folgt diese Praxis einer sozial vermittelten Weitergabe bewährter Inhalte in einem historisch gewachsenen religiösen Umfeld. Und selbst das Ziel der meisten Koranschulen besteht nicht etwa in einem Koranverstehen, sondern in der kunstvollen und wohltuenden Rezitation des arabischen Originals des Korans.

Das verbreitete Klischee vom verstehenden Koranleser erscheint mir wie die Projektion einer lutherisch geprägten Begeisterung für die direkte Bibellektüre in den muslimischen Kontext hinein. Für Außenstehende ist das manchmal attraktiv: So kann man jegliche Beobachtung bei Muslimen quasi auf Koranverse zurückführen und muss sich nicht mehr mit der individuell sehr verschiedenen Lebenswirklichkeit der Muslime befassen.

Wer so argumentiert, hat nicht nur ein sehr einfaches Bild von Koranauslegung, sondern denkt wohl auch am realen Muslim vorbei. Denn Textkenntnisse ersetzen nie den mühsamen Prozess des Verstehens eines lebendigen menschlichen Gegenübers.

Aber gut, ich gebe zu: So folgenlos ist Koranauslegung natürlich auch wieder nicht. Denn mit ihr kann man versuchen, Missstände ebenso zu legitimieren wie zu hinterfragen und so neue Perspektiven zu ermöglichen.

Da ist es erfrischend zu wissen, dass es muslimische Gelehrte nie als Widerspruch sahen, den Koran als Wort Gottes zu ehren, aber ihn zugleich einer vielfältigen Auslegung zu unterziehen. Für sie war die Situation klar: Es gibt bei jedem noch so eindeutig wirkenden Koranvers relativierende textliche Zusammenhänge, spezielle historische Hintergründe sowie erstaunliche Vieldeutigkeiten.

Dies und mehr führte über viele Jahrhunderte zu einer großen Zahl sehr umfangreicher und unterschiedlicher Werke zum Koran. In der Moderne kamen Zugänge hinzu, die das historisch-kulturelle Umfeld des Korans noch stärker betonen. Auch sie hinterfragen den Offenbarungscharakter des Korans in der Regel nicht, sondern versuchen ihn aus seinem historischen Kontext heraus zu verstehen.

Leider ging in der Moderne der Blick auf die Vielfalt und Originalität der islamischen Tradition von Textauslegung verloren. Dabei hat diese viele tief schürfende Gedanken hervorgebracht, die die Muslime der Gegenwart erst noch registrieren und aufarbeiten müssen um sie zu anspruchsvollen zeitgenössischen islamischen Theologien weiterentwickeln zu können.

(Mein aktueller Beitrag für „Islam in Deutschland“ auf SWRinfo – nachzuhören hier)